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„Ich möchte mit Ghana gegen Deutschland spielen“

Für Josi Bonsu ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen: Nationalspielerin. Jetzt trifft sie in der Bundesliga mit Jena auf ihren Ex-Club Union. Höchste Zeit für ein Gespräch

Neulich, da hat Josi Bonsu in alten Freundesbüchern geblättert und war zu Tränen gerührt. Weil sie dort als Kind ihren großen Traum formuliert hat: einmal Nationalmannschaft spielen. Und weil der tatsächlich wahr geworden ist, obwohl er zwischenzeitlich schon begraben war. Am kommenden Dienstag, 4. Spieltag, empfängt die 26-jährige Berlinerin mit ihrem aktuellen Club FC Carl Zeiss Jena ihren Ex-Verein: Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Union Berlin (19 Uhr/MagentaSport/DAZN). Anlass genug für rasenperlen.de, mit ihr über ihre spektakuläre Karriere, ihren Raketenstart bei Ghana und der Begegnung mit ihrer alten Liebe zu sprechen.

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Foto: Ghana football association

Josi, in meiner Wahrnehmung warst du im Trikot von Union eine gefühlte Ewigkeit der Albtraum sämtlicher Berliner Abwehrreihen – von der Berlin-Liga bis zur Regio. Plötzlich hast du dann völlig überraschend bei Türkiyemspor gekickt, nur um dann völlig von der Bildfläche zu verschwinden. Was war da los?

Josi Bonsu: Wir waren 2019 an einem Punkt, an dem Union sich schon dringend hätte professionalisieren müssen. Die Frauenabteilung stand damals auf der Stelle, das ist kein Geheimnis. Es gab dann Gespräche, die klangen für mich nicht so überzeugend. Und weil es für mich zu der Zeit sehr stressig war – studieren in Potsdam, wohnen in Charlottenburg, kicken in Köpenick – und ich eh ein Auslandssemester eingeplant hatte, dachte ich mir: Das halbe Jahr bis dahin kann ich auch noch mit meinen besten Freunden bei Türkiyemspor spielen. Geile Zeit. Na, und dann kam eben der Auslandsaufenthalt in Spanien.

Das hört sich ganz nett an, aber auch nach einer Entfernung vom Profifußball wie von hier bis zum Mond.

So war es auch. Das war wie eine Auszeit, die ich gebraucht und mir genommen habe. Habe da zwar auch Fußball gespielt in der 3. Liga – das ist vom Niveau her in etwa so wie bei uns Regionalliga – , aber mehr aus Spaß, an meinen Traum habe ich zunächst nicht mehr gedacht. Habe dann auch viel alleine trainiert und irgendwann gemerkt, dass ich es doch nochmal wissen will. Dann hat mich doch tatsächlich ein Berater angeschrieben und hat für mich Probetrainings bei Jena und Potsdam II organisiert.

Genau dann schreibt dich ein Berater an? Komm‘ schon …

War so. Aber ich habe erst viel später erfahren, dass Steffen Beck, Trainer von Unions Erster, als ich dort in der U17 gespielt habe, ein gutes Wort für mich eingelegt hatte. Da war also schon auch Glück dabei.

Liest oder hört man ja oft, dass das dazu gehört. Wie war das Probetraining bei Jena?

Mein Gott, du ahnst es nicht. Ich dachte mir: Wie schnell bewegen die denn bitte den Ball? In Berlin glauben die meisten, sie sind die Krassesten. Da wusste ich endgültig: Das ist nicht so. Drei Tage war ich da und das war so unfassbar anstrengend. Aber die wollten mich und mir hat das da irgendwie besser gepasst als in Potsdam.

Zweite Liga also. Wie ging es weiter?

Jena war gerade aus der Bundesliga abgestiegen, als ich dazukam. Und dann drohte der erneute Abstieg. Das wäre gar nicht gegangen, zum Glück haben wir die Saison dann noch im Mittelfeld beendet. Dann kam Florian Kästner und hat aus uns als Abstiegskandidat einen Aufstiegskandidaten gemacht. Wir lagen dann lange auf Platz zwei bis drei und haben es dann am Ende tatsächlich geschafft.

Wow! Großartig. Wann hast du das realisiert, dass du in der kommenden Saison dann im Oberhaus spielen wirst?

Erst gar nicht und dann erst viel später. Im entscheidenden Spiel gegen die TSG Hoffenheim hatte ich das 2:0 zum Endstand gemacht und habe Tor und Sieg natürlich mit meinen Jungs am Zaun zelebriert. Aber so richtig gecheckt habe ich das nicht. Auch noch nicht, als bereits Vorfreude auf die neue Saison herrschte.

Warte mal: Welche Jungs meinst du?

Mit denen ich das Fußballspielen angefangen habe. Damals bei Alemannia 06 Haselhorst. Das sind eben noch immer meine Jungs – sie haben mein Freundesbuch befüllt und wissen, wovon ich immer geträumt habe.

Find ich stark. Wann hast du es denn dann realisiert, das mit der Bundesliga?

Ich denke, im ersten Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Ich gucke auf die Leinwand, sehe drüben Nicole Anyomi und Laura Freigang und auf der anderen Seite … halt uns. Ich dachte mir: Krass, wir sind jetzt Teil davon. Ein irres Gefühl.

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Mit der früheren Union-Teamkollegin und aktuellen Zimmergenossin Gwendolyn Mummert gegen die Bayern. Foto: Hannes Anger

Das glaube ich. Mitte dieses Jahres hast du dann – auch wieder plötzlich und unerwartet – Bilder und Spielszenen von dir im Trikot von Ghana beim Africa-Cup bei Instagram gepostet. Wie kam es dazu? Hast du beide Staatsangehörigkeiten? Standest du bei denen schon länger auf der Liste? Und warst du nie in einer DFB-Auswahl am Werk? Fragen über Fragen…

Nein, für ein U-Team beim DFB hat es nie für eine Sichtung gereicht. Und mit der ghanaischen Nationalmannschaft kam es so: Die ehemalige Trainerin von Ghana Nora Häuptle hatte sich international nach Spielerinnen umgeschaut und nicht nur im eigenen Land. Dabei ist sie auf mich aufmerksam geworden. Wir hatten ein Gespräch. Danach war fünf Monate Funkstille und ich dachte, das hat sich wohl wieder erledigt. Kurz vor dem Spiel gegen Freiburg sagt mein Berater, dass sie kommt und zuschaut.

Und dann und dann und dann???

Habe ich mein bestes Spiel ever gemacht.

Also auch zugepackt, als das Glück erneut anklopfte?

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Fotos (5): Ghana football association

Ich weiß nicht. Hatte wohl nicht genügend Zeit, um nervös zu werden. War ja sehr kurzfristig, ihre Anmeldung. Jedenfalls schwärmt mein jetziger Trainer immer noch von diesem Spiel. (lacht) Dann ging alles sehr schnell. Dabei hat sich übrigens herausgestellt, dass der zweite, der ghanaische Pass das kleinste Problem war. Häuptle war drei Monate später zwar nicht mehr im Amt, aber ich wurde vom neuen Trainer Kim Lars Bjorkegren trotzdem im Februar zu einem Lehrgang in Marokko und April zu einem in Senegal/Elfenbeinküste eingeladen. Beim letzten Lehrgang Ende Mai, Anfang Juni habe ich mich dann dummerweise verletzt.  

Oh no! Traum in Gefahr! Hast du deshalb das erste Spiel nicht gemacht?

Bestimmt. Im zweiten bin ich eingewechselt worden und ab dem dritten Gruppenspiel habe ich dann alle gemacht.

Unglaublich. Ihr seid ja dann Dritter geworden. Du hast auf dem Weg dorthin drei Mal im Elfmeterschießen getroffen. Bist du stolz?

Ja unfassbar stolz. Das war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Die Menschen sind so toll. Bis zum Halbfinale waren die Stadien nie voll, aber schon kleine Gruppen von Fans haben enorm Stimmung gemacht. Im Halbfinale in Marokko war das Stadion dann randvoll. Das war der krasseste Moment in meiner Karriere.

Nun bist du wieder geerdet, nach Niederlagen in der Bundesliga gegen Hoffenheim und Wolfsburg ist euch am Samstag ausgerechnet gegen die starken Bayern ein Punkt geglückt. Guter Zeitpunkt für Formstärke würde ich sagen, denn gastiert dein Ex-Verein Union bei euch. Man könnte auch sagen, Union ist jetzt dort angelangt, wo du schon längst warst. Spürst du Genugtuung?

Kein Stück. Ist schon immer noch Heimat da. Ich habe die Entwicklung verfolgt und mich nur gefragt: Hätte das nicht eher passieren können? Und es ist heftig zu sehen, wie schnell das gehen kann, wenn sich ein großer Verein dazu entscheidet, die Frauen nach oben zu bringen. Ich freue mich für die Mädels, mit denen ich noch zusammengespielt habe, etwa Lisa Heiseler oder die Orschmann-Zwillinge, und auch für Trainerin Ailien Poese und den Staff. Poese hatte ich ja in der Berliner Auswahl lange als Trainerin und von ihr taktisch und bezüglich Professionalität sehr sehr viel gelernt.

Union hat in den vergangenen zwei Jahren den Kader qualitativ enorm verbessert. Macht das Angst vor Dienstag?

Kein Prozent Angst! Ja, sie sind gut, aber trotzdem Aufsteiger. Der Unterschied von der 2. Bundesliga zur Bundesliga ist groß. Wir werden es ja sehen. Ich freue mich jedenfalls total auf das Spiel.

Nur weil du einen Lebenstraum erfüllt hast, bedeutet das ja nicht, dass du nicht einen neuen haben darfst. Hast du einen? Hau‘ raus!

Ja. Ich möchte mit Ghana gegen Deutschland spielen.

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Info-Box

Josephine Afua Kyerewaa Bonsu wurde am 20. August 1999 in Berlin geboren. Sie hat eine deutsche Mutter und einen ghanaischen Vater, ist Doppelstaatlerin und Nationalspielerin Ghanas – eine „Black Queen“ also. Seit sie denken kann, hat sie regelmäßig einen Ball am Fuß. Mit den „Jungs“ spielte sie zunächst bei Alemannia 06 Haselhorst und beim Nordberliner SC. In der B-Jugend spielte sie erst beim 1. FC Lübars, wechselte dann aber noch in der gleichen Spielzeit zum 1. FC Union Berlin. Im Frauenbereich schaffte sie in der Saison 2018/19 den Durchbruch in die Erste (Regionalliga), Nach der Saison 2020/21 wechselte sie für ein halbes Jahr zum Ligakonkurrenten Türkiyemspor Berlin. Seit der Saison 2022/2023 spielt sie beim FC Carl-Zeiss Jena, erst in der 2., nun im zweiten Jahr in der 1. Bundesliga. Auf dem Platz ist sie in der Offensive und da speziell auf dem Flügel zuhause. Bei den „Black Queens“ wurde sie als Außenverteidigerin auf die „Schiene“ gesetzt. Josi Bonsu hat Sportmanagement in Potsdam studiert. Foto: Hannes Anger


Interview: Matthias Vogel