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Perlen von früher: Nicht schön, aber selten

Kämpferischer SV Rot-Weiß Viktoria Mitte ermauert sich ein 1:1-Unentschieden gegen den 1. FC Union Berlin II

Sara Dieng erzielt früh die Führung für den Underdog. Union ist über die gesamte Spielzeit der erwartet dominante Chef im Ring, kommt aber über den Ausgleich durch Tiziana Udich nicht hinaus. Der Mittag auf dem Oldschool-Teppichbelag an der Behmstraße ist nichts für Fußballästheten, aber das stört pünktlich zum Abpfiff bereits keinen großen Geist mehr im Lager der Viktorianerinnen – verständlich.

Denn warum sollte ein Team auch imaginären Schönheitspreisen nachtrauern, wenn es sich gerade eben in einen erlauchten Kreis gekickt hat? Erst zweimal gingen die Eisernen in der laufenden Berlin-Liga-Saison nicht als Sieger vom Platz, verloren haben sie gar nicht und die zweite Punkteteilung erspielte sich der Tabellenzweite FC Hertha 03 Zehlendorf. Eine imposante Bilanz, die eben dann auch teilerfolgreiche Gegner adelt.

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Dass es an diesem Tag einfach nicht rundlaufen wollte für den Klassenprimus, dokumentierte schon Udichs Torjubel. Ein Urschrei und zwei geballte Fäuste folgten ihrem wuchtigen Schuss in die Maschen (21.), als wolle sie sagen: „Geht doch!“ Bereits zuvor hatte Union mit durchaus brauchbaren Ansätzen auf den frühen Führungstreffer für Viktoria reagiert – Sara Dieng war nach einem langen Ball aus der eigenen Hälfte der letzten Köpenicker Kette enteilt und auch früher als die rauslaufende Torhüterin Sherly Schulz an der aufsetzenden Kugel, ihr gekonnter Heber trudelte ins Tor (6.). Allerdings war dem Unioner Torjubel immer etwas im Weg. Mal knallte der Ball an die Latte, mal erwischte ihn Viktorias Torhüterin, mal zischte der Schuss hauchzart am Tor vorbei. Udichs Treffer also als Wachmacher?

Irgendwie nicht. Es blieb alles beim Alten, auch nach Wiederanpfiff. Union machte das Spiel, welches Mitte zu zerstören versuchte, um dann vielleicht noch einen Konter zu setzen. Das klappte nicht und auch Union scheiterte bei den Vollversammlungen in der Viktoria-Box – die gefühlt im Minutentakt einberufen wurden – immer an irgendeinem Körperteil von mehr und mehr an einen Punkt glaubenden Viktorianerinnen. Es blieb also beim 1:1. Ein bisschen Pech hatte Union auch. Die Rot-Weiß-Torhüterin wirkte nicht immer sattelfest, doch an diesem Tag rutschten ausgelassene Bälle überall hin, aber nicht ins Tor.

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Vanessa Baugatz (l.) kickt mittlerweile am Ursuline College in Ohio, USA.

Darauf wollte Unions Coach Oliver Hartrampf den unerwarteten Punktverlust aber nicht schieben. Eher lag es für ihn „am Platz, am sehr tief stehenden Gegner und daran, dass wir heute Sachen machen, die nicht erklärbar sind“, stellte er schon nach einer Stunde Spielzeit fest. Ansonsten war Hartrampf eher wortkarg, seine Kapitänin Tiziana Udich grummelte nach dem Schlusspfiff im Vorbeigehen wenigstens noch, dass es eben nicht hat sein sollen und es solche Tage eben auch mal gebe.“

Ganz ohne taktisches Zutun des Tabellenneunten kam die Sensation aber auch nicht zustande. Trainer Sameh Najjar ließ seine Elf im 1:4:1:4:1 spielen, mit Madlen Weinhardt, sonst für Offensiv-Impulse, als auffällig präsente Sechs vor der Kette und Sara Dieng an vorderster Front als Nadelstich-Beauftragte. Teammate und Innenverteidigerin Patricia Winge kommentierte das Wirken der früheren Zweitliga-Spielerin Weinhardt nach dem Spiel so: „Sie hat wirklich alles abgeräumt.“ Winge freute sich diebisch über den unerwarteten Zähler: „Das war nicht schön, aber das ist mir egal. Wir haben uns als Team richtig reingehauen, waren in den Zweikämpfen stark. Das ist es, was zählt. Irgendwann haben die Unionerinnen sich gegenseitig angemault, das hat uns zusätzlich motiviert.“

In Köpenick wird man das Ergebnis zwar als Ausrutscher verbuchen, aber auch verschmerzen können. Die Meisterschaft dürfte der Hartrampf-Elf schließlich trotzdem nicht mehr zu nehmen sein. Am kommenden Wochenende gastiert der BSV GW Neukölln bei den Eisernen (Anpfiff Sonntag, 12 Uhr, Hämmerlingstraße). Wenn Union im Stile der Bayern nach einer durchwachsenen Leistung sofort eine Reaktion zeigt, könnte es sehr unangenehm werden für die Gäste. Und Rot-Weiß? Hat mächtig Selbstbewusstsein getankt für das Gastspiel beim Wittenauer SC Concordia (Anpfiff Sonntag, 12 Uhr, Göschenstraße).


Fotos: Matthias Vogel


Die Abwehrschlacht sondergleichen datiert vom 13. März 2022. Union II krönte einer starke Spielzeit 2021/22 mit der Meisterschaft, zwei Punkte vor Hertha 03 Zehlendorf. Weil Unions Erste noch ihr Dasein in der Regionalliga-Nordost führte, ging Hertha und nicht Union II hoch. Viktoria Mitte schloss auf dem 8. Platz ab, mit 25 Punkten. Das Remis ist eine glänzende Perle von früher – wie gesagt: nicht schön, aber selten.

Fundstücke dieser Art schreien geradezu nach Antworten auf die Frage: Was machen die Rasenperlen von einst? Unions Torschützin und Spielführerin Tiziana Udich ist seit drei Jahren Co-Trainerin von Union II in der Regionalliga. Oliver Hartrampf, lange Zeit eines der prägenden Trainergesichter der Unioner Frauensparte, wird bei FuPa zuletzt in der Saison 2023/24 als Co-Trainer bei den Männern der SG Müncheberg geführt. Vanessa Baugatz (heute 22 Jahre alt) netzte in der Saison 2021/22 26 Mal für Union ein, eine Spielzeit später sogar 44 Mal. Seit April dieses Jahres geht sie für das Ursuline College in den USA auf Torejagd.

Madlen Weinhardt hat bei Viktoria Mitte ihre Frau fürs Leben, Wanda Ostermann, gefunden. Beide absolvierten Ende der vergangenen Saison ihr Abschiedsspiel gegen Borussia Pankow: 2:3. Vikis Torjägerin vom Dienst, Sara Dieng, war schon in betreffender Spielzeit eher selten am Ball und hängte danach ihre Kickschuhe endgültig an den Nagel. Das gleiche gilt für Abwehrchefin Patricia Winge. „Alles ganz schön herbe Verluste“, kommentierte Viktoria-Urgestein und Helfer an allen Fronten, Stanley Grabe, seine Hilfe bei der Ahnensuche.

Soooo lange ist das alles gar nicht her – und dennoch hat sich viel verändert. Alleine, dass der 1. FC Union Berlin heute in der Bundesliga spielt zeigt, wie schnelllebig auch der Frauenfußball in Berlin ist.