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Das stille Kraftzentrum

Sie hat das Spiel gegen Inter gelenkt, wichtige Zweikämpfe gewonnen und einen Treffer markiert – Jenny Kandetzki vom SFC Stern 1900 ist Rasenperle der Woche

Es gibt Spielerinnen, die mit Zahlen glänzen, und solche, deren Einfluss sich erst erschließt, wenn man ein Spiel wirklich sieht. Jenny Kandetzki gehört in die zweite Kategorie. Beim 2:0-Sieg des SFC Stern 1900 gegen den FC Inter war sie das, was jede funktionierende Mannschaft zwingend braucht: eine ordnende Hand, die Ruhe im Sturm. Als Rasenperle der Woche hat sie den Platz in der Perlen-Elf der Woche sicher, aber es ist bereits das dritte Mal in Folge, dass sie dort auftaucht. Ein deutlicher Fingerzeig auf ihre derzeit herausragende Form und auf die Zufriedenheit ihres Trainers Roman Rießler mit ihrer Leistung.

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Foto: Matthias Vogel

Bereits in der fünften Minute stellte sie gegen Inter die Weichen: Nachdem Maggi Lorenz im Strafraum gelegt worden war, übernahm Kandetzki Verantwortung, trat entschlossen zum Punkt – und hatte anschließend selbst Mühe zu begreifen, wie der Ball seinen Weg ins Netz fand. Innenpfosten links, Innenpfosten rechts, dann drin – zumindest nach ihrer Sicht und der Entscheidung des Schiedsrichters. Dass Inters Keeperin den Ball danach wieder aus dem Tor bugsierte, sorgte für kurze Irritationen, aber das 1:0 stand. „Glücklich“, nannte Kandetzki später den Treffer. Entscheidend war er allemal.

Ihre Qualitäten liegen jedoch weit jenseits eines einzelnen Moments. Als klassische Sechserin ließ sie sich gegen Inter immer wieder zwischen die Innenverteidigerinnen fallen, zog das Spiel geduldig, präzise und mit bemerkenswerter Übersicht auf. Roman Rießlers taktische Vorgabe, nach Ballgewinnen schnell vertikal nach vorne zu spielen, setzte sie mit Passschärfe und Mut um – auch wenn sie nach der Partie bemängelte, dass es dabei noch zu viele Ballverluste des Teams gebe. „Aus diesem Grund fand ich uns heute gar nicht so gut“, sagte sie.

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Foto: Hannah Burkart

Besonders wertvoll war Kandetzkis Arbeit gegen Inters Top-Torjägerin Lena Hegnal. Immer wieder kreuzten sich ihre Wege im Zentrum, und stets blieb Kandetzki präsent, hellwach, giftig – eine Sechserin, die nicht nur Räume, sondern auch Gegnerinnen aus dem Spiel nimmt.

Mit ihrer Unterschrift vor zwei Jahren bei den Steglitzerinnen hat sich für die 26-Jährige ein Kreis geschlossen. Mit sechs Jahren begann sie nämlich bei Stern 1900 mit dem Fußball-ABC, wechselte mit acht Jahren dann zu Hertha 03 Zehlendorf und erlebte dort den Übergang zu Hertha BSC – samt Aussortierungen und Strukturen, in denen sie sich nicht wiederfand. Sie hörte auf, pausierte ein Jahr und kehrte schließlich dorthin zurück, wo alles begann. „Ich habe das nie bereut“, sagt sie heute. Stern ist wieder Heimat – sportlich wie menschlich.

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Foto: Hannah Burkart

Ihre Ziele sind bemerkenswert bodenständig. Kein Idol, kein großer Traum vom Profifußball, kein Drängen nach oben um jeden Preis. Der Aufstieg mit Zehlendorf in die Regionalliga und der dortige Klassenerhalt waren ein Karrierehöhepunkt. Ob sie mit Stern eines Tages wieder dort spielt? Kandetzki hält das für möglich, gerade weil sich die Mannschaft in Sachen Technik und Taktik in dieser Saison einen großen Schritt nach vorne gemacht habe. Aber entscheidend ist es ihr nicht. „Spaß und Erfolg mit diesem tollen Team“ – das genügt ihr als Kompass. Sympathisch und deshalb ein weiteres Argument für die Auszeichnung zur Rasenperle der Woche.


Titelbild: Matthias Vogel