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Die Wrangelritze steht Kopf – Hansa zieht Berlin-Liga-Krimi

FSV und Askania liefern sich ein packendes Match. Mehrfach wechselt die Führung, kippt das Momentum. Schließlich verwandelt Lea Berndorf einen umstrittenen Last-Minute-Elfer zum 4:3 für die Kreuzbergerinnen

„Na läuft doch“, dachte sich Philipp Pawelzik, als Lea Schönborn nur fünf Minuten nach dem Seitenwechsel das 2:0 für die FSV erzielte – Kim-Lucia Ruoff hatte mustergültig abgelegt. Die Annahme des Hansa-Coaches war menschlich, schließlich fußte sie auf einer überlegen geführten ersten Schicht seines Teams, an deren Ende eine knappe, aber für die Gäste aus Köpenick sehr schmeichelhafte Führung zu Buche stand.   

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Doch er sollte sich irren. Urplötzlich drehte der SV Askania Coepenick auf. Gut, Trainer Gregor Seemann hatte auf Viererkette umgestellt und dadurch eine weitere Spielerin nun auch nominell eine Linie weiter vorne am Ball, aber dass sein Team derart aus dem Sattel gehen würde, hätte er wohl auch nicht gedacht. Dafür war ihm die erste Hälfte zu „leidenschaftslos“ gewesen, sagte er nach der Begegnung. „Katastrophal“ nannte er die Leistung seiner Schützlinge bis zu diesem Zeitpunkt.

Die Initialzündung für den wilden Ritt der beiden Teams vor etwa 80 Zuschauern lieferte Fanny Ossowski, die sich ein Herz fasste und den Ball aus 22 Metern unter die Latte des Hansa-Gehäuses nagelte (52.). „Der hat noch einmal aufgetippt und dann habe ich ihn wirklich mit dem Vollspann satt getroffen“, kommentierte die Torschützin den Auftakt zu dem Spektakel.

Hansa war noch nicht fertig mit dem Sich-kurz-Schütteln, da schlug es schon wieder ein. „Pressing-Moment auf der rechten Seite plus Balleroberung“, analysierte Seemann die Entstehung. Ossowski flitzte bis auf die Grundlinie und schlug den Ball nach innen. Blöde Höhe für FSV-Torhüterin Frederike Gramm: zu hoch für die Fußabwehr, zu niedrig zum Fangen. Also prallte die Kugel ab von ihr und Karolin Kock vor die Füße. Die bedankte sich artig und schob zum Ausgleich ein (58.).

Sei es um die fünf Euro für das Phrasenschwein! Die Partie wogte nun hin und her. Und wurde dann zum ersten Mal völlig auf den Kopf gestellt. Nach einer Askania-Ecke stieg Alina Poepel am höchsten und nickte zum 2:3 ein (78.). „Schulbuchmäßig“ bewertete ihr Coach ihre Airtime. Und Pawelzik: „Dann war bei uns endgültig Alarm!“

Für ihn bedeutete das: Viererkette auflösen, offensiv einwechseln. Das zeigte Wirkung. Hansa spielte fortan wieder besser Fußball. Und dann gelang Kim-Lucia Ruoff das, was ihr in der ersten Halbzeit nicht gelungen war. Sie steuerte nach einem blitzsauberen Steckpass alleine auf Köpenicks Schlussfrau Leah Kurz zu und schob den Ball an ihr vorbei zum Ausgleich in die Maschen (85.). Im ersten Spielabschnitt war sie bei einer identischen Aktion noch an der insgesamt starken Schlussfrau gescheitert.

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In einer emotional geladenen Schlussphase wollte Hansa den Dreier dann mehr als Askania den Punkt. Die Bemühungen mündeten in den finalen Akt dieses ungemein spannenden Fußball-Krimis. Lilly Becker wurde kurz nach der Strafraumkante von den Beinen geholt und die Unparteiische entschied auf Strafstoß für Hansa. 90. Minute! Was für ein Drehbuch! Lea Berndorf behielt die Nerven – Kurz war in der richtigen Ecke, aber der Schuss zu präzise. 4:3, die Wrangelritze ging steil. Und 20 Sekunden später gleich nochmal, als der Schlusspfiff ertönte.

„Unnötig“, empfand Pawelzik am Ende die Achterbahnfahrt. „Gefühlt waren es nicht recht viel mehr als die drei Bälle von Askania auf unser Tor, die sie aber natürlich stark verwandeln. Wir müssen das nach einem 2:0 cleverer runterspielen, dann sparen wir uns da draußen ein paar graue Haare.“ Hansa hat nun mehr Punkte auf dem Konto als in der gesamten vergangenen Spielzeit. „Und es ist gut, dass wir auch solche Spiele können“, so Pawelzik.

Askanias Torschützin Fanny Ossowski haderte im Allgemeinen mit der Bitterkeit der Niederlage und im Speziellen mit dem Elfmeterpfiff. „Das waren unsere besten 35 Minuten in dieser Saison, wir hätten einen Punkt verdient gehabt. Und aus meiner Sicht war das kein Elfmeter. Die Schiedsrichterin hatte schon auf Abstoß gedeutet und auf Zuruf von außen dann umentschieden. Ich glaube aber auch, wir waren nach der Führung mental nicht richtig da. So als ob wir davon selbst überrascht waren. “

Ihr Coach Gregor Seemann sagte, der Elfmeter sei berechtig gewesen, die Niederlage aber natürlich mehr als bitter. „Wir hatten das Spiel schon umgebogen. Dann noch den Ausgleich zu kassieren, wäre okay gewesen. Aber dass es einen kurz vor Schluss so brutal trifft, das muss jetzt erst einmal aus den Kleidern.“     


Eine „Rasenperle der Woche“ sahen beide Trainer nicht, waren beide je nach Phase entweder mit dem Kollektiv zufrieden oder unzufrieden.

Fotos: Matthias Vogel