dsc00291

Reality-Check BSV Grün-Weiß Neukölln: Neue Halbserie, altes Leid

Berlin-Liga-Urgestein steckt knietief in einem Dauermotivationsloch

„Was? Wir sind schon dran? Ganz schön schnell, was?“, sagt Helge Kapheim und lacht. Eigentlich ist dem Trainer des BSV GW Neukölln so gar nicht zum Scherzen zumute, wenn er an Fußball denkt. Und gerne wäre er beim Countdown des Rasenperlen-Reality-Checks später an der Reihe gewesen. Aber Humor hat er und Galgenhumor hilft ihm. Sein fast als Kampfansage getarnter Aufruf an die eigene Mannschaft zu Beginn der Saison: „Wenn wir fit sind, können wir jeden schlagen“, verhallte ungehört. Die Trainingsbeteiligung ließ wie schon in der Vorsaison zu wünschen übrig, und so reichte es in der Vorrunde der Berlin-Liga eben nur zu Platz 10, mit 13 Zählern und einem Torverhältnis von 22:28. Frustrierend für ihn als Coach.

dsc09673
Ein Höhepunkt der Vorrunde: Neukölln stellte dem Tabellenführer Bero ein Bein: 1:1.

Auch für den Berliner Frauenfußball wäre es jammerschade, würde sein grün-weißer Leuchtturm im Süden weiter an Strahlkraft verlieren. Seit dem Abstieg aus der Regionalliga nach der Saison 2008/2009 schloss das Team aus Buckow mit Ausnahme der Spielzeit 2020/21 stets einstellig ab, nicht selten unter den Top-Five. Mit Inter hat Neukölln die meisten Berlin-Liga-Jahre auf dem Buckel, nämlich 13. Und liegt in der Gesamtwertung auf dem dritten Platz. Eine einschlägige Adresse also.

Die Gründe für das gedimmte Licht sieht Kapheim in diesem Jahr auch in der Kaderbreite liegen: „20 bis 22, darunter zwei Karteileichen. Dann haste drei Urlauber und dann wird’s ja auch schon eng.“ Dazu sind langjährige Stützen weggebrochen, so wie Stürmerin Chantal Brück, die immer für ein Dutzend Saisontore gut war, aus beruflichen Gründen es aber nicht mehr zum Training schafft. Oder Viona Canning, die sich in der vergangenen Spielzeit wie auch Torhüterin Angelique Bratschke und zwei weitere Spielerinnen das Kreuzband gerissen hatte und gar nicht mehr auf den Platz zurückkehren wird. Ein bisschen Nachwuchs aus der 7er-Mannschaft der B-Juniorinnen kann Kapheim dazunehmen, „aber bis diese Spielerinnen auf Berlin-Liga-Niveau sind, das dauert ja seine Zeit“, wie er sagt.

Für die Zukunft an der Johannisthaler Chaussee ist guter Rat teuer. Denn viele verlaufen sich generell nicht dorthin, um zu kicken. „Und sollte das mal eine höherklassige Spielerin tun, kann sie sich sicher auch schöneres vorstellen, als zu acht zu trainieren“, sagt Kapheim. „Wir schmoren hier in unserem eigenen Saft.“

dsc09759

Immerhin: Das Korsett, allen voran Spielerinnen wie Kapitänin Laura Lück, Nele Becker oder Romina Schmalbein, ist nach wie vor Berlin-Liga-tauglich. Deshalb werden Teams aus dem Keller besiegt und fallen Ergebnisse gegen die Top-Teams sehr gut bis manierlich aus. Knappe Niederlagen gegen Stern (0:1) und Vikis U20 (1:3) dienen als Belege, aber die Neuköllner Highlights der Hinrunde waren sicher die beiden 1:1-Unentschieden zuhause gegen den Branchenführer Berolina Mitte und dem Tabellenfünften FC Inter. Zwei wichtige Punkte für das Selbstbewusstsein und das Ranking – auch weil Maurermeister Kapheim ein gutes Rezept für äußerst stabilen Neuköllner Beton in der Schublade hatte.

dsc09718
Für Helge Kapheim ist nach der Saison Schluss als Trainer des BSV GW Neukölln.

Vielleicht sorgt der Pokal für einen Motivationsschub. Unter die letzten acht Teams hat es Neukölln geschafft und der Weg ins Halbfinale des Berliner Polytan-Pokals ist möglich. Kürzlich wurde den Grün-Weißen der Ligakonkurrent FSV Hansa 07 für das Viertelfinale, das vom 10. bis 12. März ausgetragen wird, zugelost. Kein Selbstläufer, aber gerade vor heimischer Kulisse machbar. Bis zu diesem Highlight ist es nun so in Neukölln, wie es eben ist: nicht anders als zu Beginn der Saison. Wenn alle fit sind … und so weiter. Nur scheint Kapheim die Hoffnung auf mehr Trainingsfleiß wieder etwas tiefer begraben zu haben. Beruhigen tut ihn, dass die Qualität seines Teams wohl für den Klassenerhalt reicht. „Wir müssten uns schon ziemlich dämlich anstellen“, sagt er.

Für ihn – und diesen Weg wird er an die Mannschaft herantragen – gilt es, die Saison anständig rumzubringen. Teams aus dem Tabellenkeller wieder zu schlagen, Mannschaften „von oben“ weiterhin zu ärgern. Respektvoll miteinander umgehen. Punkt. Nach der Spielzeit gilt für die Zusammenarbeit dann: Ende Gelände. Kapheim hat genug, er hört auf, das steht fest. Einmal wird er sich dann noch kümmern um die Neuköllner Frauen. Als 2. Vorsitzender des Vereins sucht er höchst persönlich seinen Nachfolger.   


Fotos: Matthias Vogel