Solmaz-Elf zwingt in der Vorrunde die Top-Teams zu Top-Leistungen – gegen schwächere Gegner überzeugt sie zu selten.
„Fußball ist einfach, wenn man ihn richtig liest“, das hatte Sinem Solmaz als eine von drei Perlenknüpferinnen in der Berlin-Liga vor der Saison zu Protokoll gegeben. Hat die Trainerin der U23 von Türkiyemspor Berlin nun richtig gelesen oder nicht? Nicht einmal sie weiß es und niemand anderes an ihrer Stelle wäre nach der Halbserie schlauer.

Klar, auf der einen Seite zählen Unwägbarkeiten zum Geschäft, wenn man eine zweite Mannschaft beziehungsweise eine Ausbildungstruppe übernimmt: Junge Spielerinnen, die heute grandios spielen und eine Woche später kein Bein auf den Boden bringen. Oder leistungsstarke Kickerinnen, die in der Ersten aushelfen müssen. Oder Regionalliga-Asse, die Spielpraxis sammeln sollen. Vielleicht auch Team-Mates, die das Ganze nicht mit der gewünschten Ernsthaftigkeit verfolgen. Auf der anderen Seite ist Solmaz aber auch nicht gerade zu beneiden, wenn sie sagt: „Wir sind in der Hinrunde kein einziges Mal mit der gleichen Mannschaft an den Start gegangen.“ Sich einzuspielen, war jedenfalls nicht möglich.

Der Saisonbeginn mit einem fulminanten 15:1 gegen Viktoria Mitte und einer deftigen 1:7-Klatsche bei der FSV Hansa 07 nur eine Woche hätte es erahnen lassen können: Das Team von der Blücherstraße war die Wundertüte der Liga. Unbequem gegen starke Gegner, verwundbar gegen schwache. Das spiegelt sich auch im Tableau wider. Platz 7 mit 19 Punkten, 37 Tore geschossen, 24 Gegentreffer geschluckt. Niemandsland. Abstiegsplätze wie Spitzengruppe so weit entfernt wie der Mond.


Ob in der Rückrunde mehr Konstanz einkehrt und sich der Abstand auf die Tabellenspitze und nicht auf den -keller verringert, ist fraglich. Denn personell kommt nun es knüppeldick für die U23. „Einige aus der ersten Mannschaft haben den Verein verlassen, also müssen wir einige nach oben abgeben“, sagt Solmaz. Darunter Leistungsträgerinnen wie Innenverteidigerin Nuria Alpers (Titelbild, r.) und Flügelspielerin Katarina Gordienko. Zwei junge Spielerinnen, die sich in dem halben Jahr unter Solmaz sehr gut entwickelt haben. Ihren Aufstieg, ihre Entwicklung kann sich die Trainerin zwar ans Revere heften, gleichzeitig muss sie sich allerdings nach Ersatz umschauen.
Auch Spielerinnen aus der Dritten können sich nun beweisen
Solmaz weiß um ihren Job: Nachwuchs fördern und stark machen – unter anderem für den Fall, dass es ein Stockwerk höher einmal brennt. So erzählt sie das auch, jammern klingt anders. Und nimmt man den ersten und einzigen Test in der Vorbereitung auf die Rückrunde als Maßstab, hat sie auch allen Grund, weiterhin mit Freude und Zuversicht auf dem Platz zu stehen. Zwar unterlag ihre extrem junge Mannschaft beim Tabellenzweiten Stern 1900 klar mit 0:4, hielt sich dabei aber erstaunlich wacker und brachte gerade in der ersten Halbzeit die Steglitzerinnen mit ein paar mutigen Offensivaktionen durchaus in Verlegenheit.

„Teilweise haben uns die Mädels überrascht, teilweise war es noch nicht so gut“, wertete Solmaz die Partie kritisch. Erkenntnisse habe man in jedem Fall gewonnen, auch darüber, wer sich von den Jungen nun hervortut und wer sich zurücknimmt. Überhaupt begreift die Trainerin die allgemein angespannte Personallage bei Türkiyemspor als Möglichkeit. „Auch die Spielerinnen aus der Dritten (derzeit Tabellenführer in der Bezirksliga, d. Red.) bekommen jetzt ihre Chance, wie oft gefordert.“

Für die Rückrunde wünscht sich Solmaz, dass taktische Inhalte nicht nur – wie bisher – begriffen, sondern auch umgesetzt werden. Dazu weniger Platzverweise, die ihr Team vorwiegend in den Schlussphasen der betreffenden Spiele kassierte. Pflichtsiege gelte es verlässlich einzufahren und gelegentliche Küren gerne mit etwas Zählbarem zu veredeln. Wie etwa die bärenstarke Leistung gegen Klassenprimus Berolina Mitte im letzten Spiel vor der Winterpause, als Türkiyemspor bis kurz vor Schluss 1:0 führte und doch noch als Verlierer vom Platz schlich (1:2). Und: Eine Revanche gegen Hansa soll her, der Stachel sitzt noch tief. „Auch ein Pflichtsieg“, sagt Solmaz. Und natürlich wäre das Finale im Polytan-Pokal der Zweiten was. Das Viertelfinale hatte ihr Team am grünen Tisch gegen den 1. FC Union Berlin gewonnen, weil der eine Spielerin eingesetzt hatte, die dazu nicht berechtigt war.
Wünsche sind das eine, daran arbeiten das andere. Sinem Solmaz wird den Fußball also weiterlesen und bestimmt auch richtig. Einfach wird er aber weiterhin nicht sein.
Fotos: Matthias Vogel

