Ein Punkt Vorsprung, klare Spielidee, klarer Auftrag: Berolina Mitte geht als Tabellenführer in die Rückrunde – sieht seinen Status aber nicht in Stein gemeißelt.
Immer nur „XY auf die eins!“? Muss gar nicht sein. Das letzte Spiel vor der Winterpause war ein ekliges für Bero. Lange lag das Team aus Mitte bei der U23 von Türkiyemspor mit 0:1 zurück. Zehn Minuten vor Schluss reichte Trainer Frank Krug seiner Innenverteidigerin Emma Lamprecht offiziell die Brechstange: „Emma auf die acht“, beorderte er sie nach vorne. In der 89. Minute schlug Lamprecht prompt zu: 1:1. Es kam noch besser für Bero. In der Nachspielzeit sicherte Zehra Badem mit einem Freistoß den Sieg und die Herbstmeisterschaft.

Dieses Spiel zeigte viel. Vor allem: Bero ist gewachsen, übersteht unbequeme Phasen, gewinnt heikle Partien. Vor der Saison sprach Krug von der Suche nach der richtigen Balance: Mut zeigen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Nach der Hinrunde lässt sich sagen: Seine Mannschaft hat diesen Spagat geschafft. Berolina führt die Berlin-Liga mit einem Punkt Vorsprung auf SFC Stern 1900 an – verdient, aber ohne Polster.



Die Zahlen belegen die Entwicklung. Berolina spielt offensiv, sucht konsequent Lösungen nach vorn und trifft überdurchschnittlich häufig. Gleichzeitig steht die Defensive stabil. Wenige Gegentore, klare Abläufe, erkennbare Struktur. Krug ist zufrieden – nicht nur mit dem Tabellenstand, sondern mit der Art und Weise, wie seine Mannschaft auftritt.

Und doch bleibt er nüchtern. Die Herbstmeisterschaft sei nichts weiter als eine Momentaufnahme. Ein Spiel könne das Bild verschieben. Entscheidend werde sein, wie man durch die ersten Wochen der Rückrunde kommt. Am 15. März wartet auswärts beim Tabellenzweiten Stern 1900 das erste echte Gradmesser-Spiel.

Zuvor stehen Aufgaben gegen Teams aus dem Mittelfeld an. Gut reinfinden, dominant auftreten, nicht überheblich werden – das sind die Leitplanken. Der Tabellenstand soll im Alltag keine Rolle spielen. Spiel für Spiel.
Die Vorbereitung war schwierig, nicht nur bei Berolina. Immerhin gab es einen 3:1-Testsieg gegen eine ersatzgeschwächte Mannschaft des Regionalliga-Teams Türkiyemspor Berlin. „Da war schon viel wieder da“, sagt Krug. Die Automatismen griffen schneller als erwartet. Der Kern kennt die Laufwege, die Neuen fügten sich bereits bestens ein.

Personell gab es Bewegung. Carla Ruf verließ den Verein in Richtung Regionalliga zum SV Eintracht Leipzig-Süd – ein herber Verlust im Mittelfeld. Dem stehen aber fünf Zugänge gegenüber: Mathilde Tiramani (4. Liga Frankreich), Amelie Schlüter (FSV Gütersloh), Emilia Eberle (Union U23), Ruby Harder (Union U17) sowie Emma Daskalow, die nach drei Jahren in den USA zurückkehrt und eine „alte“ Bekannte von Krug aus gemeinsamen Zeiten bei Borussia Pankow ist. Der Trainer sieht in den Zugängen echte Verstärkungen – vor allem, weil sie die Mannschaft variabler machen. Wichtig ist auch die Rückkehr von Kapitänin Irina von Schorlemer. Nach langer Verletzung wird sie behutsam aufgebaut. Ihre Präsenz – sportlich wie menschlich – tue dem Team merklich gut, so Krug.

Neu ist auch Beros Rolle. Anders als im Vorjahr ist man diesmal nicht der Jäger, sondern der Maßstab. Teams aus dem unteren Tabellenbereich werden tiefer stehen, Räume verengen. Lösungen gegen defensive Blocks müssen erarbeitet werden. Krug sieht seine Mannschaft auf einem guten Weg. Sie denke mit, entwickle Ideen, bleibe nicht bei Plan A stehen.

Und auch, wenn es im Einzelfall reichen kann, nur „auf die acht“ zu gehen. Das Ziel ist klar: die eins. Wenn es sportlich reicht, wird Berolina in die Regionalliga gehen. Darüber entscheidet nicht die Tabelle von heute, sondern die Konstanz der kommenden Wochen.
Fotos: Matthias Vogel

