Hohen Neuendorf braucht Punkte im Tabellenkeller, Union II will den Druck auf die Spitze erhöhen.
Wenn an diesem Sonntag um 15 Uhr an der Friedrich-Engels-Straße angepfiffen wird, treffen in der Regionalliga Nordost zwei Mannschaften mit maximal unterschiedlichen Vorzeichen aufeinander. Gastgeber SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf kämpft ums sportliche Überleben, die U23 des 1. FC Union Berlin um die Tabellenspitze.
Hohen Neuendorf: Umbruch im Abstiegskampf
Fünf Punkte nach der Hinrunde, letzter Tabellenplatz – die Lage in der Niederheide ist prekär. Im Winter hat sich der Kader praktisch gehäutet. Sieben Spielerinnen hörten aus privaten, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen auf. Zoe Harnisch kehrte in ihre Heimat nach Österreich zurück. Lina Krauss, Marie Polzin, Annika Mahlau, Yara-Lynn Scheffler, Sarah Scheel, Femke Scholau und Antonia Platte stehen ebenfalls nicht mehr zur Verfügung. Erfahrung und eingespielte Abläufe gingen verloren.

Gleichzeitig ergab sich eine ungewöhnliche Konstellation: Gut ein halbes Dutzend Spielerinnen wechselte vom Ligakonkurrenten Türkiyemspor Berlin in die Niederheide. Trainer Christian Liedtke sprach davon, sie seien dem Verein „in den Schoß gefallen“. Hinzu kam mit Anna Laue eine Co-Trainerin vom Lokalrivalen. Allerdings sind einige der Neuzugänge angeschlagen, andere noch nicht spielberechtigt. De facto stehen mit Alexandra Almasalme und Elisa Schindler zwei der Wechselspielerinnen im Kader, die sportlich eine amtliche Verstärkung darstellen. Liedtke kennt beide noch aus seiner Zeit bei Union.

Insgesamt verfügt Hohen Neuendorf über 16 einsatzfähige Spielerinnen. „Die erste Elf ist auf jeden Fall eine ordentliche Band“, sagt Liedtke. Die Vorbereitung verlief witterungsbedingt auch für ihn und sein Team holprig. Immerhin konnte durchgehend an der Athletik gearbeitet werden – die Bundeswehr stellte als Förderer eine Halle zur Verfügung, was unter den Umständen fast schon Luxus bedeutete. Zwei Testspiele – 2:2 gegen Magdeburg und 3:2 gegen Hertha BSC II – lieferten respektable Ergebnisse.
Der Plan gegen Union ist realistisch formuliert: so lange wie möglich das 0:0 halten. Liedtke weiß um die Kräfteverhältnisse – und wünscht sich unabhängig vom Resultat eine Verschiebung der Bilanz. In der Hinrunde wurde Hohen Neuendorf häufig für seine Auftritte gelobt, doch Zählbares blieb zu selten hängen. „Das hätten wir künftig gerne umgekehrt.“
Union II: Entwicklung mit Ambition
In Köpenick ist die Ausgangslage deutlich komfortabler. Die U23 des 1. FC Union Berlin spielt eine bärenstarke Saison und mischt im Titelrennen mit. Mit einem Sieg könnte die Mannschaft von Trainerin Anja Matthes punktemäßig mit Tabellenführer Hertha BSC gleichziehen. Matthes zeigt sich mit der Hinrunde vollends zufrieden, benennt aber einen klaren Entwicklungsauftrag: die fehlende Konstanz. Es habe Ausreißer nach unten gegeben, etwa gegen Erfurt. Das sei der Jugend geschuldet und Teil des Prozesses, dürfe sich aber nicht verfestigen. In der Rückrunde erwartet sie mehr Stabilität.
Für Union spricht zudem die strukturelle Ausgangslage in der Vorbereitung. Während andere Teams mit gesperrten oder unbespielbaren Plätzen zu kämpfen hatten, konnte die U23 auf dem beheizten Kunstrasenplatz im neuen Trainingszentrum konstant arbeiten. Die Vorbereitung lief entsprechend reibungslos – ein Vorteil in Sachen Eingespieltheit und Abläufe.

Der Verein bewertet das Saisonresultat gelassen. Ein möglicher Sprung nach oben wäre willkommen, ist aber kein Muss. Entscheidend bleibt die solide Arbeit an der Basis – und die Durchlässigkeit zum Profi-Kader. Immer wieder soll eine Spielerin den Schritt nach oben machen. Von der Spielerinnenwanderung von Kreuzberg nach Hohen Neuendorf hat man bei Union selbstverständlich gehört. Man wisse nicht genau, was einen erwartet, sagt Matthes. Es werde also spannend. Sie rechne aber durchaus mit Qualitätszuwachs beim Gegner.

Am grundsätzlichen Anspruch ändert das nichts: Jedes Spiel soll gewonnen werden. Auch wenn an diesem Sonntag nicht alle Spielerinnen zur Verfügung stehen, bleibt die Zielsetzung klar. Wichtiger als Tabellenrechnerei ist der Trainerin ein anderer Punkt: Überzeugung. Ihre Mannschaft soll das, was sie auf dem Platz tut, mit Klarheit und Leidenschaft tun. „Sie sollen einen gepflegten Ball spielen und lieben, was sie tun.“ Dann werde man sehen, was am Ende herauskommt.
Zwei Wege, ein Spiel
Abstiegskampf gegen Titelambition, Umbruch gegen Eingespieltheit. Die Rollen sind verteilt, das Papier scheint eindeutig. Doch auf dem Platz an der Friedrich-Engels-Straße ist es wie auf allen anderen Spielfeldern der Welt: Auf ihm liegt die Wahrheit.
Titelbild: 1. FC Union Berlin

