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Rasenperle der Woche: Lamis Tiehen – überzeugt, bevor der Ball kommt

Inter-Keeperin hält beim 1:0 in Berolina ein halbes Dutzend Großchancen – und prägt den überraschenden Auswärtssieg mit Haltung und Mindset

Dieses Spiel begann für Lamis Tiehen nicht mit dem Anpfiff. Es begann im Kopf. „Ich hatte schon vorher das Gefühl: Das wird ein richtig geiles Spiel für uns“, sagt sie. In der Kabine spricht sie es aus, nimmt die Mannschaft mit: „Wir reißen heute was, was alle nicht glauben.“ 90 Minuten später steht ein 1:0 beim favorisierten Berolina Mitte – und eine Torhüterin im Mittelpunkt, die ein halbes Dutzend Großchancen hält.

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Ihr Weg zum Status quo ist früh angelegt. Mit fünf Jahren kommt sie über ihren Bruder zu Wacker Mecklenbeck bei Münster, spielt bei den Jungs, geht mit neun ins Tor. Später folgt eine Pause von drei Jahren, „auf Abruf“, wie sie sagt. Erst in Berlin, bei Viktoria Mitte, kommt die Lust zurück: „Ich hatte einfach wieder Bock.“ Vor vier Jahren wechselt sie zum FC Inter – und wächst dort in ihre Rolle hinein.

Ihre frühen Vorbilder? Wahre Mentalitätsmonster

Was sie antreibt, beschreibt sie selbst am klarsten: „Man muss ein bisschen verrückt sein.“ Vor allem aber: „Ein Torwart muss ein gewisses Mindset haben, du musst einfach überzeugt sein, dass du den Ball hältst.“ Dass sie genau dafür ein Gespür entwickelt hat, ist kein Zufall. Ihre Vorbilder sind Nadine Angerer und Oliver Kahn – wahre Mentalitätsmonster. „Ich habe mir früher vor Spielen Videos von ihnen angeschaut“, sagt sie. Um sich motivieren und genau in diesen Zustand zu bringen.

Gegen Berolina Mitte zeigt sich das in jeder Szene. „Ich war lange nicht mehr so emotionally invested“, sagt sie – und meint damit eigentlich das gesamte Team. Der Rahmen passt, das Gefühl bestätigt sich: „Die Sonne scheint, der neue Platz bei Bero ist geil.“ Auf dem Feld – als die Angriffe des Favoriten anrollen – verdichtet sich alles in einen Gedanken: „Den kriege ich. Den kriege ich auch noch.“ So entsteht diese Leistung – nicht zufällig, sondern aus Überzeugung. Tiehen hält alles, was auf sie zukommt, relativiert aber sofort: „Das war nicht nur ich. Das hat alles zusammengepasst.“ Und doch: Ohne sie kippt dieses Spiel.

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Dass sie an diesem Tag überhaupt im Tor steht, passt ins Bild. Sie war zuvor in ihrer Heimat bei Münster und kam eigens für dieses Spiel zurück – eingeflogen, wenn man so will. „Hat sich ja gelohnt“, sagt sie trocken. Auch das gehört zu ihrer Haltung. Vollzeitjob in der Immobilienbranche, dazu ein berufsbegleitendes Studium – Trainingsumfänge sind begrenzt. „Aber ich liefere ab“, sagt sie. Sie kennt ihre Themen, arbeitet nach dem Training an ihrem Spiel mit dem Fuß, bleibt länger, schlägt zusätzliche Bälle.

Hat Tiehen sportlich noch Ziele? Oh ja! „Ich bedaure sehr, dass ich mich im Moment nicht so sehr auf den Fußball einlassen kann. Aber sobald mein Studium abgeschlossen ist, möchte ich mich schon noch so zwei Spielzeiten voll committen.“

Torwarttrainer Schäfer: „Die fähigste Torhüterin, die ich bislang trainiert durfte“

Inter-Torwarttrainer Lukas Schäfer ordnet sie entsprechend ein: „Von der Gesamtveranlagung her ist sie die fähigste Torhüterin, die ich bisher trainieren durfte“ – auch mit Blick darauf, dass ihr über Jahre konstantes Torwarttraining gefehlt habe. Im Eins-gegen-eins „phänomenal“, auf der Linie „einfach nur stark“, mit großer Sprungkraft und damit ordentlich Reichweite gesegnet. Und vor allem: „Sie ist eigentlich in jedem Spiel mit spielentscheidenden Aktionen dabei.“

Tiehen selbst bleibt nüchtern. „Nur weil wir Bero geschlagen haben, heißt das nichts.“ Nach dem Spiel sei vor dem Spiel – sie nimmt die fünf Euro für das Rasenperlen-Phrasenschwein gerne in Kauf. Ein Sieg gegen Stern am heutigen Mittwochabend? „Warum nicht? Wir haben nichts zu verlieren.“ Aber Vom Aufstieg will sie nichts wissen. „Das käme zu früh“, auch weil sich Inter nach den Ausfällen seiner beiden Top-Spielerinnen Marie Weidt und Marta Studulska zu Beginn der Saison erst finden musste. Jetzt werde es immer stabiler. Und Tiehen ist mittendrin – mit einem Mindset, das schon greift, bevor der Ball überhaupt unterwegs ist.


Fotos: Laura Timme