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Stille Perlen: Jessika Ekinci – So viel mehr als eine Betreuerin

52 Spiele, zwei Teams, unzählige Aufgaben: Warum die U20 des FC Viktoria 1889 Berlin seine Betreuerin Jessika Ekinci als „Stille Perle“ nominiert hat – und weshalb Fußball für die 43-Jährige weit mehr als ein Hobby ist.

Sommerpause. Keine Spiele, keine Tore, keine Tabellen. Dafür rücken bei Rasenperlen Menschen in den Mittelpunkt, die sonst oft zwischen den Zeilen stehen. Mit der Serie „Stille Perlen“ stellen Berliner Vereine diejenigen vor, die für sie unverzichtbar sind – auf oder neben dem Platz.

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Wenn Darien Hoffmann nach einer Person gefragt wird, die den Alltag seiner Mannschaft spürbar erleichtert, muss der Trainer der U20 des FC Viktoria 1889 Berlin nicht lange überlegen. Seine Wahl fällt auf Jessika Ekinci. Die 43-Jährige betreut die U20 und die U17-Juniorinnen. Wer ihren Aufgabenbereich aufschreiben möchte, sollte einen Notizblock auf Reserve dabeihaben. Denn die Bezeichnung Betreuerin trifft nur auf einen Teil ihrer Arbeit zu.

Jessika Ekinci investiert viel – auch ihr eigenes Geld

An Spieltagen sorgt sie dafür, dass die Trikots in der Kabine an ihren Plätzen hängen, die Verpflegung organisiert und der Medizinkoffer vollständig bestückt ist – jeweils für beide Teams, versteht sich. Sie kümmert sich um Getränke, organisiert Fahrten wie die der U20 nach Bayern in der jüngsten Winterpause, schreibt Einladungen für Probetrainings und übernimmt weitere zahlreiche Aufgaben, die oft erst dann auffallen würden, wenn sie niemand mehr erledigen würde. Nicht selten investiert sie dabei ihr eigenes Geld.

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Ausrüsten, verarzten, versorgen – und dann fotografieren. Jessika Ekinci (h. r.) ist auch an einem Spieltag von Vikis U20 die Frau für alles. Foto: Matthias Vogel

Dazu kommt ein Bereich, der im Nachwuchsfußball immer wichtiger wird. Jessika Ekinci richtete den Instagram-Kanal der Viki-Girls – ein Account, auf dem sich von der U9 bis zur dritten Mannschaft der komplette Breitensport des Mädchen- und Frauenfußballs wiederfindet – ein und kümmert sich seither um dessen Betreuung und Weiterentwicklung. Sie fotografiert Spiele, bereitet Inhalte für Social Media auf und hilft dabei, die Sichtbarkeit der Mannschaften, des Vereins zu erhöhen. Viele ihrer Bilder von der U20 stellt sie zudem regelmäßig der Rasenperlen-Redaktion zur Verfügung.

Nach dem Spiel ist auch für Ekinci vor dem Spiel

Nach dem Abpfiff ist ihre Arbeit deshalb häufig noch nicht beendet. Während andere sich nach den Spielen längst auf der Couch erholen, sitzt sie oft mehrere Stunden am Rechner, sichtet Fotos und bereitet Material für die Veröffentlichung vor. „Da kommen am Wochenende schon noch einmal vier bis sechs Stunden zusätzliche Arbeit zusammen“, sagt sie. Und: „Manchmal ist das alles auch anstrengend, aber es macht mir eben auch einfach unheimlich viel Spaß.“

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52 Spiele hat Jessika Ekinci in der vergangenen Saison begleitet. Die meisten davon bei der U17 und der U20 des Vereins. „Aber von der U11, in der jetzt meine jüngere Tochter spielt, hatte ich auch schon die Trikots zum Waschen zuhause“, sagt sie und lacht. Zum Fußball kam sie ursprünglich über ihre ältere Tochter. Die spielte zunächst bei Stern Britz, später bei Hertha Zehlendorf und nach der Fusion bei Hertha BSC. Dort gehörte sie zum erweiterten Sichtungsbereich des Nachwuchses. Nach einem Kreuzbandriss fiel sie jedoch längere Zeit aus und spielte im weiteren Auswahlprozess keine Rolle mehr.

Mutter und Tochter entschieden sich daraufhin für einen Wechsel zum FC Viktoria 1889 Berlin. Dort begann Jessika zunächst, die U17 zu unterstützen. Sie fotografierte, organisierte und half dort, wo Hilfe benötigt wurde. Als Darien Hoffmann dann einmal ein Spiel der U17 coachte und sah, was Ekinci an einem Spieltag alles so in die Waagschale wirft für ein Team, „meinte er, so etwas brauche er für die U20 auch“, wie die 43-Jährige berichtet. Daraus entwickelte sich eine Aufgabe, die mit der Zeit immer größer wurde. „Sie nimmt uns unglaublich viel Arbeit ab“, sagt Hoffmann. „Wenn es jemand verdient hat, Stille Perle zu werden, dann Jessika.“

Eine Spielerin spricht sie schon mit „Mama“ an

Dank ihres Einsatzes können sich die Spielerinnen voll auf den Fußball konzentrieren, die Trainer auf ihre Mannschaft. Fast professionelle Bedingungen. Wie wichtig Ekinci geworden ist, zeigt sich oft auch in menschlichen Momenten. U20-Spielerin Medisja Iljazi spricht sie inzwischen regelmäßig mit „Mama“ an. Jessika Ekinci erzählt das nicht ohne Stolz. Für viele Spielerinnen ist sie Ansprechpartnerin, Organisatorin, Zuhörerin und „vielleicht eben auch ein Mama-Ersatz“, wie sie vermutet.

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Wie sie und ihre Töchter überhaupt zum Fußball kamen und warum sie sich so aufopferungsvoll um die Teams kümmert? „Wenn ich dir das erzähle, kippst du um“, sagt sie – und lässt es auf einen Versuch ankommen. Was folgt, bewegt, und es ist tatsächlich besser, zu sitzen. „Ich erhielt 2019 die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Unheilbar. Ich werde nur noch palliativ behandelt“, erzählt sie.

Dem niederschlagenden Befund waren Jahre der Ungewissheit vorausgegangen, weil niemand eine Erklärung für ihre zunehmende Kraftlosigkeit hatte. „Ich war 34 und konnte meinen Einkauf nicht mehr erledigen“, erinnert sie. Sie lief von Arzt zu Arzt, wurde als depressiv „abgestempelt“ und bekam entsprechende Medikamente verschrieben. „Zum Glück habe ich die nie genommen“, sagt sie.

Nach zwei Jahren in den eigenen vier Wänden musste die Familie raus – zum Fußball

Nach der Diagnose folgte die Chemotherapie und direkt im Anschluss die Corona-Jahre, in denen die Familie wegen ihres geschwächten Immunsystems besonders vorsichtig leben musste. Zwei Jahre lang spielte sich vieles innerhalb der eigenen vier Wände ab. Als diese Zeit vorbei war, wollten Jessika und ihre Töchter wieder raus. Wieder unter Menschen. Wieder Teil einer Gemeinschaft sein. Der Fußball bot die Möglichkeit dazu.

Die übliche Antikörpertherapie im Anschluss an die Chemotherapie lehnte sie wegen ihres Immunsystems ab. „Damals prognostizierten die Ärzte, dass wir uns dann in drei Jahren zur nächsten Chemo wiedersehen würden“, erzählt Ekinci. Sie beschritt einen anderen Weg, schloss kürzlich ihr Studium zur Ernährungsberaterin ab, wurde Ernährungscoach. „Ich versuche, mich gut zu ernähren, auch mit Supplements. Jetzt bin ich seit sechs Jahren ohne Rückfall“, sagt sie.

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Mit den Herzen der Viki-Spielerinnen auf den Platz: Jessika Ekinci möchte etwas schaffen, was bleibt.

Dass sie heute offen über ihre Krankheit spricht, hat einen Grund. Jessika Ekinci möchte nicht etwa auf ihre Geschichte reduziert werden. Sie hofft vielmehr, dass ihre Erfahrungen anderen Betroffenen Mut machen können. Mut, aktiv zu bleiben. Mut, sich einzubringen. Mut, nicht aufzugeben.

Sie wird sich weiter engagieren für den Viki-Nachwuchs. Wie lange sie das noch mit diesem enormen Pensum machen kann, weiß sie nicht. „Das ist schon viel, obwohl es mir ja gerade gut geht“, sagt sie. Aber: Der Fußball gibt ihr und ihren Töchtern Halt, gibt der Familie generell viel – und sie gibt eben zurück. Und dann hat sie noch einen Traum. Einen, der genauso bewegt, wie ihre Geschichte. „Das klingt vielleicht komisch“, sagt sie. „Aber ich wünsche mir, dass die Mädels mich, wenn ich irgendwann mal nicht mehr da bin, in ihren Herzen mit auf den Platz nehmen.“


Fotos: privat