bero2

„Jeder hat Bock darauf, das Ding zu spielen“

Als Berliner Pokalsieger steht Berolina Mitte vor einem besonderen Wochenende. Am Sonntag geht es beim Regionalligisten ATS Buntentor um den Einzug in die erste Hauptrunde des DFB-Pokals.

50 Grad. So hoch schlägt das Fußballfieberthermometer derzeit bei Berolina Mitte aus, wenn man Frank Krug fragt. „Alle sind extrem fokussiert“, sagt der Trainer des Berliner Pokalsiegers. Seine Mannschaft ist eine Woche früher als viele andere Teams in die Vorbereitung gestartet. Schließlich galt es diesmal, nicht für den Ligastart fit zu sein, sondern für die Qualifikationsrunde zur ersten Hauptrunde im DFB-Pokal.

bero5

„Wir haben alles dafür getan“, sagt Krug. Die Vorbereitung sei hervorragend gewesen, beim Athletikprogramm hätten alle mitgezogen. Inzwischen wollen seine Spielerinnen vor allem eines wissen: Wann gibt es die Aufstellung? Wer spielt? Wer schafft es in den Kader? „Jeder hat Bock darauf, das Ding zu spielen“, so der Coach.

39062
Favorit Buntentor: Für die Bremerinnen spricht die höhere Spielklasse, der Heimvorteil und die größere Erfahrung im DFB-Pokal. Foto: Tobias Weilandt

Damit ist der Berliner Vizemeister nicht allein. „Bei uns haben alle unheimlich Bock auf dieses Spiel“, sagt auch Arne Schriefer. Der 36-Jährige hat ATS Buntentor in diesem Sommer übernommen. Was der Pokal mit seiner Mannschaft macht, konnte er zuletzt im Training beobachten. „In den vergangenen zwei Wochen hat der Platz gebrannt.“ Bis auf einige wenige krankheitsbedingte Ausfälle hat Schriefer seinen Kader zusammen. Und er macht aus der Rollenverteilung keinen Hehl: „Wir sehen uns schon als Favorit und wollen zeigen, wer der Regionalligist ist und wer ein Heimspiel hat.“

39061
Buntentors Anna Hof auf dem Weg zum Torerfolg? In der Regionalliga Nord gelangen dem ATS in der abgelaufenen Saison nur 28 Kisten. Foto: Tobias Weilandt

Buntentor landete in der vergangenen Saison im hinteren Mittelfeld der Regionalliga Nord, geriet aber nicht ernsthaft in Abstiegsgefahr. Den letzten Test gegen den Liga-Konkurrenten Hannover 96 verlor ATS mit 1:2. Hannover dürfte im Berliner Frauenfußball noch in Erinnerung sein: Borussia Pankow kassierte gegen die Niedersächsinnen zu Beginn der vergangenen Saison ein herbes 0:6.

Bero will vielleicht etwas tiefer stehen – das könnte für Räume hinter den Bremer Ketten sorgen

Krug erwartet einen robusten Gegner, der kompakt steht, bei Standards gefährlich wird und auch spielerisch einiges mitbringt. Angst sei dennoch die falsche Beraterin. „Wir fahren dahin, um unser Ding durchzuziehen.“ Dass Bero diesmal nicht als Favorit antritt, ist für ihn auch ein Reiz. In der Berlin-Liga muss seine Mannschaft häufig selbst das Spiel machen. Am Sonntag darf sie auch einmal anders agieren. „Vielleicht stehen wir einfach einen Ticken tiefer.“ Die Räume hinter den gegnerischen Ketten, die sich daraus ergeben, könnten den schnellen Bero-Außenspielerinnen entgegenkommen.

Buntentor dagegen will den Ball. Beim „Fragenhagel“ auf dem Instagram-Account der Mannschaft entschied sich die Mehrheit der Spielerinnen bei der Wahl zwischen Ballbesitz und Umschaltspiel für Ersteres. Das passt zu Schriefers Plan. Er möchte, dass seine Mannschaft das Spiel selbst in die Hand nimmt.

39060
Eine Stärke des ATS Buntentor (l.) ist die Zweikampfstärke. Foto: Tobias Weilandt

Ganz unvorbereitet ist der ATS-Trainer auf Bero ebenfalls nicht. Viele Informationen hatte er zwar nicht, ein Blick auf die vergangene Saison verriet ihm aber einiges. Mehr als 120 Tore erzielten die Berlinerinnen. Bemerkenswert findet Schriefer, dass die beste Torschützin Maiken Ueberschär dabei „lediglich“ auf 19 Treffer kam. Für ihn heißt das vor allem: Bei Bero kann die Gefahr von überall kommen. „Und darauf haben wir uns schon ein bisschen vorbereitet.“

Buntentor-Coach Arne Schriefer: „Die Nervosität wird erst noch kommen.“

Ein Plus der Bremerinnen ist ihre Erfahrung. Mehrere Spielerinnen kennen den DFB-Pokal und solche K.-o.-Spiele bereits. Eine Akteurin, erzählt Schriefer, sei bei derartigen Partien sogar schon über ein halbes Dutzend Mal dabei gewesen. Für ihn indes sei es Premiere. „Als aktiver Spieler bin ich nicht einmal in die Nähe eines solchen Spiels gekommen.“ Nervös? „Noch nicht“, sagt Schriefer. Am Samstag stünde zunächst noch die Einschulung seines Stiefsohns auf der Agenda. „Aber danach wird das schon kommen.“

Bero hat seinen Kader im Sommer noch einmal verbreitert. Von Hohen Neuendorf kamen Yara Scheffler und Femke Scholau, von Türkiyemspor Katarina Gordienko, Joselin Zafisambondaoki und Samreen Nishat. Krug spricht von „hervorragenden Ergänzungen“. Die Spielerinnen aus Hohen Neuendorf seien sehr gut ausgebildet, die Zugänge von Türkiyemspor brächten zusätzlich Temperament und etwas Giftigkeit mit.

Beros Taktgeberin Zehra Karatas steht nicht zur Verfügung

Mit Mailin Wichmann kam zudem eine neue Torhüterin aus der U23 des 1. FC Union. In Bremen fehlt sie allerdings noch. Zwischen den Pfosten steht deshalb Raya Schüler, die bereits das Berliner Pokalfinale bestritt. Für Krug kein Grund zur Sorge – und für Schüler die verdiente Fortsetzung ihres Pokalwettbewerbs. Schwer wiegt hingegen der Ausfall von Zera Karatas. Die Spielgestalterin war nach ihren Flitterwochen gerade wieder ins Training eingestiegen, als sie sich beim Bouldern mit ihrer Arbeit am Fuß verletzte. „Ich hatte schon so ein ungutes Gefühl“, sagt Krug.

bero2
Raya Schüler wird das Bero-Tor hüten. Trainer Frank Krug: „Ich habe vollstes Vertrauen. Das ist ihr Wettbewerb in diesem Jahr.“

Eine weitere Unbekannte ist der Untergrund. Gespielt wird auf Rasen, Bero konnte darauf in der Vorbereitung aber nur eine Partie absolvieren. Dazu kommen die hohen Temperaturen und ein vermutlich stumpfer Platz. Einfacher macht das die Aufgabe nicht.

Die Fahrt an die Weser ist auch eine Team-Fahrt

Die Reise beginnt bereits am Samstag um 9 Uhr. Fast die komplette Mannschaft steigt in den Bus, übernachtet wird in einer Jugendherberge in der Nähe des Spielorts. Auch Fans machen sich auf den Weg, Fahrgemeinschaften mit Auto und Bahnfahrten werden organisiert. Und wenn Bero schon einmal in Bremen ist, soll auch etwas Zeit für die Stadt bleiben. Ein Besuch bei den Stadtmusikanten bietet sich dabei besonders an. Schließlich soll es Glück bringen, die Vorderbeine des Esels anzufassen.

bero3
Ein paar Mitglieder der treuen Bero-Gefolgschaft werden wohl den Weg zum ATS Buntentor finden.

Etwas Glück kann nicht schaden. Denn hinter der Partie bei Buntentor wartet eine ziemlich verlockende Aussicht. „Ich müsste schon lügen, wenn ich nicht auch mit einem Auge auf die Möglichkeiten in der nächsten Runde schielen würde“, sagt Krug. Dann wären auch die Bundesligisten im Topf. Eintracht Frankfurt, VfL Wolfsburg oder vielleicht der FC Bayern – alles wäre möglich. „Das ist ja jetzt schon richtig verrückt, als kleines Bero in dem Topf der Qualifikation zu sein.“

bero1
Trainer Frank Krug: „Wir sind der Underdog, wollen uns aber nicht verstecken.

Schriefer kennt diese Gedanken natürlich auch. Er hält sie vor dem Spiel allerdings bewusst klein. Wer jetzt schon vom großen Los träume, könne schnell vergessen, dass vorher noch eine Qualifikation zu gewinnen ist. Und dann, sagt er, könne man ganz schnell rausfliegen.

Also erst einmal Sonntag, 14 Uhr. ATS Buntentor gegen Berolina Mitte. Ein Regionalligist, der seine Favoritenrolle annimmt. Und ein Berliner Herausforderer, der ziemlich wenig Lust hat, sich davon beeindrucken zu lassen.

Beim Bremer Brauch heißt es: Aufpassen!

Übrigens: Sollte Bero am Samstag tatsächlich noch beim Esel der Bremer Stadtmusikanten vorbeischauen, sollte der Bremer Brauch richtig angewendet werden: immer beide Vorderbeine gleichzeitig anfassen. Wer nur eines nimmt, dem bringt das angeblich kein Glück – dann gebe vielmehr nur ein Esel dem anderen die Hand, heißt es.


Fotos: Matthias Vogel