hndtitel

Chemnitz knackt die Niederheide

Aufsteiger startet mit einem 1:0 bei Blau-Weiß Hohen Neuendorf in die Regionalliga. Yella Mihalyi markiert den Treffer des Tages.

Janni Bettin schlich nach dem Abpfiff des Spiels der Woche auf rasenperlen.de bedröppelt vom Platz. Die Kapitänin des SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf hatte im Kopf schon längst so viele Gründe für das 0:1 gegen Aufsteiger Chemnitzer FC gesammelt, wie sie Material vom Platz schleppte: Zu viele unnötige Wege, zu viel verlorene Energie, nach vorne zu wenig Ideen – und auch hinten habe einiges nicht zusammengepasst.

hnd6
Ein Bild mit Symbolcharakter: Zu häufig liefen Chantal Pistorius (l.) und Janni Bettin (r.) den Chemnitzerinnen, hier Davina Graf, hinterher

Es war ein ziemlich treffendes Fazit für einen Nachmittag, an dem Blau-Weiß lange im Spiel war, aber nur selten den Eindruck vermittelte, es wirklich an sich reißen zu können.

hnd92
CFC-Torschützin Yella Mihalyi (r.)war nur schwer zu stoppen, hier versucht sich Laurina Osmani.

Dabei begann die Partie ausgeglichen. Beide Mannschaften tasteten sich ab, Räume waren rar, Torchancen noch rarer. Nach einer Ecke von Lenina Burghardt entstand erstmals Unordnung im Chemnitzer Strafraum, ohne dass Hohen Neuendorf zum Abschluss kam. Auf der anderen Seite prüfte Davina Graf in der elften Minute Marie Ulrich auf der kurzen Ecke. Die Torhüterin war zur Stelle.

Viel mehr passierte zunächst nicht. Chemnitz wurde zwar mit zunehmender Spieldauer mutiger, doch auch die Gäste fanden kaum einen Weg durch die Hohen Neuendorfer Defensive. Bis zur 38. Minute dauerte es, ehe Blau-Weiß selbst einen klaren Abschluss zustande brachte. Luisa Buchwalder schickte die bereits in der ersten Hälfte eingewechselte Philia Henning mit einem Steilpass auf die Reise. Henning zog nach innen und hielt drauf, stellte CFC-Torhüterin Franzi Frohs damit aber vor keine größeren Probleme.

Der Chemnitzer Treffer nimmt Hohen Neuendorf den Wind aus den Segeln

Nach der Pause kam Hohen Neuendorf merklich engagierter aus der Kabine. Zwei Distanzversuche blieben aber harmlos – und dann erwischte Chemnitz die Gastgeberinnen eiskalt. Yella Mihalyi fasste sich aus rund 20 Metern ein Herz. Die Chemnitzer Nummer 8 zog mit links ab, der Ball schlug rechts im Tor ein (57.). 0:1 – und ein Treffer, der zu Mihalyis Auftritt passte. Sie gehörte sie zu den auffälligsten Spielerinnen auf dem Platz.

Danach spielte die Partie zunehmend Chemnitz in die Karten. Hohen Neuendorf musste öffnen, der CFC bekam Räume – und hätte die Partie frühzeitig entscheiden können. Lina Hertel bekam in der 64. Minute einen aufspringenden Ball vor die Füße und versuchte, ihn über Ulrich hinwegzuheben. Der Ball ging rechts vorbei. Sechs Minuten später war es allein Hohen Neuendorfs Torhüterin zu verdanken, dass Blau-Weiß noch im Spiel blieb. Erst parierte Ulrich einen wuchtigen Distanzschuss von Innenverteidigerin Amelie Bär, dann war sie auch beim Nachschuss von Maxine Lenz zur Stelle. Zwei Monsterparaden innerhalb weniger Sekunden.

hnd3
Kam erst spät und konnte der Partie auch keinen Spin zugunsten von Hohen Neuendorf verpassen: Karina Duchowny.

Christian Liedtke erhöhte das Risiko und stellte auf Dreierkette um. Doch ausgerechnet das Verteidigen eines Vorsprungs gehört zu den Stärken des Aufsteigers. Schon in den Aufstiegsspielen hatte Chemnitz gezeigt, wie schwer die kompakte Defensive zu knacken ist. Nur noch einmal gelang es Hohen Neuendorf doch. In der 73. Minute wurde Philia Henning auf der linken Seite freigespielt, setzte sich gegen zwei Gegenspielerinnen durch und zog gefährlich ab. Diesmal musste auch Frohs ihr ganzes Können zeigen und verhinderte mit einer starken Parade den Ausgleich.

Mehr kam von Blau-Weiß allerdings nicht. Das Anrennen blieb zu statisch und zu einfallslos. Stattdessen boten sich Chemnitz beim Umschalten weitere Räume. In der Nachspielzeit hätte es sogar noch einen Strafstoß für die Gäste geben können: Nach einer Flanke ging die eingewechselte Chayenne Eulitz im Strafraum zu Boden, die Schiedsrichterin ließ weiterspielen.

hnd2
Philia Henning hatte nach feiner Einzelleistung die beste Chance für das Team aus der Niederheide.

„Uns fehlen wirklich die Basics“, sagte Liedtke anschließend. Auch deshalb sei es seiner Mannschaft nicht gelungen, Chemnitz auseinanderzuziehen. Dafür habe sie sich zu wenig bewegt. Die Enttäuschung über den Auftritt war dem Trainer deutlich anzumerken.

Kapitänin Bettin wollte den Fehlstart letztlich aber nicht größer machen, als er ist – auch wenn Hohen Neuendorf genau das vermeiden wollte. Schon in der vergangenen Saison sei Blau-Weiß schlecht gestartet und habe anschließend die Kurve bekommen. Für sie deshalb kein Grund, nach einem Spiel bereits grundsätzlich zu zweifeln.

Mit drei Punkten hätte der Debütant nicht gerechnet

Ganz anders die Stimmung bei Swen Wolf. Der Chemnitzer Trainer hatte seine Mannschaft 90 Minuten lang lautstark dirigiert, nach dem Abpfiff wirkte er so geschafft wie seine Elf und die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mit drei Punkten gleich im ersten Regionalligaspiel hatte er selbst nicht gerechnet.

Dass sie verdient waren, daran bestand für Wolf kein Zweifel. Vor allem die zweite Hälfte mit den zahlreichen Möglichkeiten zur Vorentscheidung bestätigte ihn darin. Den Schlüssel sah er in der kompakten Defensive und einem Umschaltspiel, das besser funktionierte, als er es zum Saisonstart erwarten konnte.

Besonders zufrieden machte ihn, wie abgeklärt seine Mannschaft Situationen von hinten heraus löste: zu erkennen, wann welcher Ball gespielt werden muss, wann Ruhe gefragt ist und wann der schnelle Weg nach vorne. Das sei das Ergebnis langer, harter Arbeit – und in Hohen Neuendorf waren erstmals die Früchte davon zu sehen. Ein Sonderlob verteilte Wolf an Mihalyi und Kapitänin Vanessa Oehmichen. Beide hätten in Sachen Vorwärtsgang mit Ball am Fuß ihre besonderen Qualitäten auf den Platz gebracht.

Chemnitz ist damit in der Regionalliga angekommen. Und Hohen Neuendorf weiß nach dem ersten Spiel ziemlich genau, woran in der kommenden Woche gearbeitet werden muss.


Fotos: Matthias Vogel