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Dreier am seidenen Faden

Unions Zweite weiß beim 3:1-Sieg im Regionalliga-Schlager gegen Türkiyemspor zu überzeugen – unverwundbar ist sie nicht

„Sofort Nachgehen“, schrie Anja Matthes in der Schlussminute über den Kunstrasenplatz des Trainingszentrums Oberspree, als ihr Team einen Freistoß in der eigenen Hälfte zugesprochen bekam und der lange Ball gefragt war. Der Grund lag auf der Hand, ein paar Augenblicke zuvor hatte Türkiyemspor eine gewaltige Doppelchance auf den Ausgleich zum 2:2 und Unions Trainerin wollte die Gäste in den letzten Sekunden des Spiels schlichtweg möglichst weit vom eigenen Kasten weggehalten haben.

Kurz darauf zerstreuten sich aber eh sämtliche Unioner Sorgen: Nach Verlängerung und Stellungsfehler in der letzten Kreuzberger Reihe hob Megan Reichenbach zur großen Freude der gut 120 bis auf die Knochen durchgefrorenen Zuschauer die Kugel zum erlösenden 3:1 in die Maschen – über die herausstürmende Torhüterin Kevser Gündogdu hinweg (90.).

Unverdient war der Sieg von Unions Zweiter auch nicht. Von Beginn an stellten die Köpenickerinnen das aktivere, das etwas druckvollere Team und kamen folgerichtig auch zur ersten nennenswerten Chance des Spiels. Die umtriebige Elisabeth Steiner flankte von links an den Elfmeterpunkt, Carla Okoro brachte aber nicht genug Dampf hinter ihre Direktabnahme – kein Problem für Gündogdu (13.).

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Unions Louisa Kähler sorgte nach ihrer Einwechslung auf der linken Außenbahn für zusätzlichen Schwung.

Die Partie nahm Fahrt auf, auch weil Union unfreiwillig Kohlen in den Tender schippte. Angelina Lübcke hätte fast Profit aus einer Unstimmigkeit in der Hintermannschaft geschlagen, doch auch die eiserne Torhüterin Shirley Schulz war auf dem Posten (14.). Nach einer Viertelstunde setzte Lena Worsch einen Freistoß aus 17 Metern zentraler Position knapp rechts neben den Türkiyemspor-Kasten.

Die Gefoulte schießt selbst – und scheitert

Im Gegenzug dann die erste Szene, in der das Spiel eine andere Wendung hätte nehmen können. Alexandra Almasalme wurde im Strafraum gefällt, mit dem fälligen Elfmeter scheiterte sie dann aber selbst an Schulz. Gästetrainerin Greta Budde: „Man weiß natürlich nicht, wie es läuft, wenn wir da in Führung gehen.“ Auch Matthes dachte der Szene wegweisenden Charakter zu: „Geht der Elfer rein, hat Türkiyemspor wahrscheinlich Rückenwind. So war es für uns ein Push.“ So blieb das erste Tor des Tages eben Union vorbehalten: Langer Ball von der rechten Seite, Okoro steigt hoch und wuchtet den Ball mit dem Kopf humorlos ein – 1:0 (43.).

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Schwer zu stoppen: Elisabeth Steiner.

„Wir haben in der zweiten Hälfte so ein bisschen unsere spielerische Linie verloren“, analysierte Budde nach Abpfiff den weiteren Spielverlauf. Matthes hatte Louisa Kähler für Nila-Ann Staerke gebracht und die sorgte nun auf der linken Seite für mächtig Betrieb. Eine schicke Steil-Klatsch-Kombo setzte Kähler nach knapp einer Stunde in Szene, ihren schulbuchmäßigen Flachpass in den Rückraum traf ihre Kapitänin Marike Laidler aber nicht richtig. Statt dem 2:0 sahen die Fans also einen Kreuzberger Konter über Gündogdu, Meliah Hartmann und Vorlagengeberin Lena Wolter am Flügel, den die starke Lübcke zum Ausgleich veredelte, nachdem sie Schulz noch fix umkurvt hatte (60.).

Vivien Stibal brachte die Köpenickerinnen mit einem prächtigen Freistoß aus 22 Metern wieder mit 2:1 in Führung, dann begann die „Phase, in der der Sieg von Union an einem seidenen Faden hing“, wie es Budde formulierte. Erst lief Lübcke nach Hackenpass von Almasalme alleine dem erneuten Ausgleich entgegen, wurde aber noch eingeholt, bedrängt und dadurch an einem strammen Schuss gehindert, Schulz war zur Stelle.

Union klettert auf Platz zwei der Regionalliga Nordost, Türkiyemspor bleibt im Mittelfeld stecken

Dann rutschte Stibal ein hoher Ball in die Tiefe über den Scheitel und zum Glück für Union knapp am Tor vorbei. Und dann parierte die überragende Schulz die riesige Doppelchance für Türkiyemspor nach einer Ecke: den ersten Versuch von Anouk Blume per Reflex, den zweiten von Lina Vianden sogar sicher. Der Rest war das traumhafte Tor von Reichenbach, eine rot-weiße Jubeltraube und eine erleichterte Anja Matthes, die den Dreier nach Abpfiff so kommentierte: „Wir wollten unseren Fußball spielen, das hat in Ansätzen immer mal geklappt. Hätten wir noch öfter ruhiger und präziser gespielt, wäre es wahrscheinlich schneller auch klarer geworden. Wir hatten schon mehr vom Spiel, letztendlich aber auch vielleicht ein wenig erarbeitetes Spielglück.“

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Vivien Stibal (19) vor ihrem herrlichen Freistoß-Tor zum 2:1 für Union.

„Eine junge, ambitionierte und bereits sehr weite Mannschaft, die uns das Leben schwer gemacht hat. Wir hätten in der ein oder anderen Phase ruhiger agieren, mehr Fußball spielen können, aber insgesamt haben wir schon das auf den Platz bekommen, was wie spielen wollten“, sagte Budde. „Das Ergebnis ist bitter, weil ein Punkt nach drei Niederlagen in Folge für uns sehr wichtig gewesen wäre.“   


Fotos: Matthias Vogel