Spandauer Kickers entführen überraschend einen Punkt aus Pankow
Sarah Tiede hat einen besonders guten Tag erwischt und beim 4:4-Wahnsinnsmatch an der Pichelswerder Straße alle vier Treffer für ihre Spandauer Kickers erzielt. Der merklich genervte Favorit Borussia Pankow lag ständig im Hintertreffen, bewies allerdings eine unglaubliche Moral und traf in der Nachspielzeit noch zum Ausgleich.
Christopher Nkunku vom Bundesligisten RB Leipzig konnte einem vor Wochenfrist wirklich leid tun. Drei blitzsaubere Treffer gelangen ihm in der Champions League bei Manchester City, aber jedes Mal, wenn er sein Team heranbrachte, legten die Skyblues seinem Keeper Péter Gulácsi wieder ein Ei ins Nest – 3:6 lautete das Resultat aus Leipziger Sicht. Drei Tore auswärts, noch dazu von nur einem Schützen, und dann ab nach Hause mit leeren Händen? Das ist bitter.

Die Kickers traf es am vergangenen Sonntag faktisch zwar nicht ganz so hart, zumindest blieb ihnen aufgrund der Ausnahmeleistung ihres Goalgetters am Ende noch ein Zähler übrig – eine Ausbeute gegen den Meisterschaftsanwärter, mit der man in Spandau vor der Partie hoch zufrieden gewesen wäre. Weil Pankow der Ausgleich aber wirklich auf den letzten Drücker gelang, umspielt das Erfolgserlebnis sicher ein fader Beigeschmack. Oder? Und wie ist es denn nun, das Nkunku-Gefühl?
Sarah Tiede: „Vier Treffer, das ist schon ein super Gefühl und ich war überrascht, dass es heute so gut lief. Das war wieder einer dieser Tage, wo es gepasst hat. Ich habe momentan Nachtdienst, das Pokalspiel hing noch in den Knochen und eigentlich war ich richtig kaputt. Vielleicht war genau das der Grund: Der Kopf war leer und ich habe nicht nachgedacht. Dazu ist in so einem Spiel ja auch gar keine Zeit, da bekommst du die Bälle und machst das Bestmögliche draus. Unser Ziel heute war es, Pankow zu ärgern. Wir hatten nichts zu verlieren und haben großartig als Team agiert, es war eine super Mannschaftsleistung bis zum Schluss. Bin sehr stolz auf mein Team. Am Ende hat das Quäntchen Glück gefehlt, die drei Punkte mit nach Hause zu nehmen. Verdammt ärgerlich und schade, aber wir nehmen aus diesem Spiel das Positive mit. Es hat gezeigt, dass man uns nicht unterschätzen darf.“
Pankows Seele Caro Klausch konsequent gedoppelt
Die Kickers standen hinten im Zentrum kompakt und agierten kompromisslos, Pankows Seele Caro Klausch wurde stets wenigstens gedoppelt. Mit flotten Außenverteidigerinnen versuchten sie, die Flügel der Borussia lahmzulegen. Und mit Tiede, Yvonne Hartmann und Antonia Platte, allesamt von der fixen Sorte, lauerten sie auf Konter. Das führte relativ schnell zum Erfolg. Beim 0:1 startete Tiede fast von der Mittellinie alleine in Richtung Borussia-Kasten und hob den Ball über Pankows Trainerin und Interims-Torhüterin Josi Ruß (9.). Nach einer halben Stunde rollte der Konter über die linke Angriffsseite an, Platte zog den Ball mit links halbhoch nach innen, Tiede war den berühmten Schritt schneller als ihre Bewacherin und schloss von der Torraumlinie zum 0:2 ab (28.).

Bis zur Pause wurde es dann noch so richtig turbulent. Lena Pflanz bekam den Ball an der Strafraumgrenze zugespielt und verkürzte mit einem platzierten Flachschuss aus zentraler Position (29.). Kurz darauf war wieder Tiede-Time. Einen eher verunglückt wirkenden Pass aus der Tiefe erhaschte sie noch, sprintete von rechts auf die Kiste zu und nagelte die Kugel oben rechts unter die Latte – 1:3 (36).
Ruß monierte nach dem Spiel die fehlende Flexibilität und Kreativität ihrer Offensiv-Abteilung. Was man der Borussia nicht absprechen konnte, war der unbändige Siegeswille. So entsprang der erneute Anschlusstreffer zwei bemerkenswerten Energieleistungen. Erst setzte sich die frühere Profi-Turbine Monique Kerschowski auf der rechten Seite gegen ihre unangenehme und stark aufspielende Gegenspielerin Laura Peisert durch und spielte auf Caro Klausch. Die wickelte sich gekonnt um ihre Gegenspielerin und bediente Alexandra Friese quer durch den Torraum am zweiten Pfosten: 2:3 (38.). Pause, durchschnaufen.

Als Schiedsrichter Konstantin Schroeter kurz nach der regulären Spielzeit und beim Stand von 3:4 die Hand hob und vier Minuten Nachspielzeit anzeigte, davon dann schon wieder zwei Minuten abgelaufen waren, schien der Fisch für die Kickers in der Dose. Aber: Eine hohe Borussen-Flanke aus dem linken Halbfeld verlängerte Lucie-Marie Ruß vom Elfmeterpunkt mit dem Kopf in den Rückraum. Dort kam Alina Janowitz wie mit Siebenmeilenstiefeln angerauscht und wuchtete den Ball aus vollem Lauf zum Remis in die Maschen. Erneut hatte Tiede zuvor per Heber den Zwei-Tore-Vorsprung für Spandau wieder hergestellt (61.), Kerschowski hatte nur eine Minute später mit ihrem Tor die Basis für wenigstens den einen, aber letztlich auch verdienten Punkt für Pankow gelegt. Nach dem Abpfiff stand den Borussinnen die Enttäuschung trotzdem ins Gesicht geschrieben, von der Spandauer Bank ertönte immerhin vereinzelt Jubel.

Josi Ruß sagte nach dem packenden Match: „Die Stimmung ist im Keller. Das müssen wir schnell ändern. Ich bin nicht zufrieden mit unserer Leistung, von meinen Leistungsträgerinnen muss ich im Spiel nach vorne mehr erwarten, auch oder gerade wenn der Gegner so kompakt steht. Glückwunsch an SpaKi, die haben das gut gemacht. Und ich, ich gehe auf keinen Fall noch einmal ins Tor!“
Fotos: Matthias Vogel
Die Partie vom 6. Spieltag der Saison 2021/22 war der pure Wahnsinn. Sarah Tiede in Bestform und Josi Ruß im Kasten der Borussia. Auch wenn sie damals sagte, sie würde sich nie wieder zwischen die Pfosten stellen – an ihr lag es nicht unbedingt, dass der Favorit nicht über ein Remis hinauskam. Das Kuriose war nicht nur der Spielverlauf, sondern dass sich am Ende niemand so recht freuen konnte. Immerhin: Im Nachgang schadete der Punkteverlust niemandem. Die Kickers landeten damals im Endklassement im gesicherten Mittelfeld und Pankow hatte sieben Zähler Rückstand auf den Tabellenzweiten Hertha Zehlendorf.
Christopher Nkunku stürmt seit diesem Sommer für den AC Mailand, Antonia Platte und Sarah Tiede nicht mehr für SpaKi, sondern für Hohen Neuendorf in der Regionalliga Nordost. Yvonne Hartmann hat es vor drei Jahren in die Brandenburger Landesliga verschlagen.
Pankows Torschützin und Vorbereiterin Monique Kerschowski hatte recht bald nach diesem Spiel ihre Fußballschuhe endgültig an den Nagel gehängt. Alexandra Friese ist heute im Jugendbereich der Borussia tätig. Müsste sie aus Altersgründen wahrlich nicht, will sie aber so. Lena Pflanz wechselte zur Saison 2023/24 zum Regionalligisten Türkiyemspor, tauchte dort aber in dieser Saison bislang nur einmal auf dem Spielberichtsbogen auf.
Alina Janowitz, damals als Last-Minute-Schützin für die Pankower Schadensbegrenzung verantwortlich, geht nun schon im dritten Jahr für den SV Empor auf Torejagd. Nach dem Aufstieg in die Landesliga hat sie aktuell zehn Treffer auf dem Konto. Und Ruß? Ist immer noch Trainerin bei der Borussia, bereits im achten Jahr. Aber ins Tor ist sie nach diesem Berlin-Liga-Thriller tatsächlich nie wieder gegangen.


