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Reality-Check FFC Berlin 2004: Lehrjahr mit offenem Visier

Warum der Aufsteiger trotz Tabellenplatz 14 nicht an sich zweifelt – und was für Trainerin Janine Köhler wirklich zählt

Der FFC Berlin 2004 steht zur Winterpause dort, wo Aufsteiger nur selten stehen wollen: Tabellenletzter der Berlin-Liga, ein Punkt, ein einziges Erfolgserlebnis – das wilde 3:3 bei Hansa 07, als Luana Panten in der 83. Minute den späten Ausgleich erzielte. Auf dem Papier ist die Bilanz ernüchternd. In der Realität erzählt sie eine andere Geschichte.

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Annabelle Filippovich (r.) setzt sich gegen Askanias Fanny Ossowski durch.

Wer nur auf Punkte und Tore schaut, verpasst den Kern. Denn dieser Reality-Check beginnt nicht mit Ergebnissen – sondern mit Strukturen, Verbindlichkeit und Entwicklung. Trainerin Janine Köhler, vor der Saison in den Frauenbereich des FFC zurückgekehrt, benennt das zentrale Vereinsziel klar: „Das wichtigste Credo war Verbindlichkeit und Konstanz.“ Genau daran wurde gearbeitet – und genau hier sieht sie Fortschritte. Trainingsbeteiligung, Verlässlichkeit, Kommunikation: Der Rahmen steht. Jedenfalls so gut, wie es die Bedingungen zulassen.

Sportlich war der Anspruch ambitioniert: Ballbesitzfußball, geprägt aus Köhlers Arbeit im Jugendbereich. Doch die Berlin-Liga erwies sich schnell als andere Welt. „Richtige Bombenmannschaften“, sagt Köhler – und erkennt offen an, dass Erfahrung, Robustheit und individuelle Qualität aktuell fehlen, um diesen Stil dauerhaft durchzuziehen.

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Der Preis für den Mut der Marzahnerinnen: frühe Niederlagen, wechselnde Formationen, schwindendes Selbstbewusstsein. Gerade für eine junge Mannschaft, die Erfolg stark über Ergebnisse definiert, ein gefährlicher Kreislauf. Trotzdem: Disziplin und Bereitschaft stellt die Trainerin keiner Spielerin infrage. „Wir haben jedes Spiel angenommen – auch wenn wir untergegangen sind.“ Nach dem 0:19 beim SFC Stern 1900 zollte Roman Rießler, Trainer des Tabellenzweiten den Gästen großen Respekt: „Nicht nur dafür, dass sie sich dem Nachholspiel gestellt haben, sondern auch, weil sie nie aufgegeben und bis zum Schluss versucht haben, ihren Fußball zu spielen. Und auch der Coach der U20 des FC Viktoria, Darien Hoffmann, war voll es Lobes: „Die machen ihren Weg. Und gutes Coaching – Trainerin Köhler weiß, was sie macht.“

Entwicklung statt Ergebnishysterie

Hinter den Kulissen ist also Bewegung, und wer genau hinsieht, merkt das offensichtlich. Individuell wie mannschaftstaktisch sieht Köhler jedenfalls Fortschritte – im eigenen Tempo. Dass sich das nicht sofort in Punkten niederschlägt, ist Teil des Lernprozesses. „Das zählt am Ende – auch wenn man es nicht in der Tabelle sieht.“ Der Abstieg ist längst einkalkuliert. „Wir wissen, dass der FFC runtergeht – und das ist nicht schlimm.“ Die Berlin-Liga dient als Lehrjahr. Die eigentliche Aufgabe liegt tiefer: bessere Strukturen, mehr qualifizierte Trainer:innen, vor allem verlässliche Trainingsbedingungen. Aktuell pendelt das Team zwischen Spielstätten, Material wird in Köhlers Auto transportiert, Ressourcen sind knapp. „Wir hoffen, dass wir irgendwann einen Kunsrasenplatz an der Cecilienstraße bekommen“, so Köhler.

Und trotzdem geht der FFC mit Haltung in jedes Spiel: Fokus, Wille, kleine Schritte. Vielleicht ein Punkt, vielleicht mehr. Entscheidend ist, dass der Weg klar bleibt. Der FFC Berlin 2004 zahlt Lehrgeld – bewusst. Nicht alles, was zählt, lässt sich messen. Dieser Reality-Check zeigt: Der Verein ist sportlich unterlegen, aber inhaltlich nicht orientierungslos. Die Berlin-Liga ist vielleicht zu früh gekommen – wertvolle Erkenntnisse liefert sie Köhler dennoch.

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Janine Köhler ist in dieser Saison auch als Motivationskünstlerin und Psychologin gefragt.

Zugänge gab es im Winter bislang nicht. „Zu uns verirrt sich keine ehemalige Regionalliga-Spielerin“, sagt Köhler, halb im Ernst halb scherzhaft. „Starke Spielerinnen müssen aus unserer Jugend kommen. Genau deshalb müssen wir unsere Strukturen verbessern.“ Mit einer Ausnahme bleibt das Team zusammen: Torhüterin Lisa Hennersdorf hat den Verein verlassen, nachdem sie vom Training suspendiert wurde. Dafür hat Kapitänin Luana Panten ihren Nasenbeinbruch aus dem Spiel gegen Askania Coepenick auskuriert und ist wieder an Bord.

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Die junge Mannschaft des FFC Berlin 2004 musste bislang viel Lehrgeld bezahlen. Foto: FFC Berlin 2004

Das erste Spiel der Rückrunde bestreitet der FFC am Sonntag, 22. Februar, gegen den Friedrichshagener SV. Anpfiff ist um 13 Uhr. Die nächste Gelegenheit, Erfahrung zu sammeln.


Fotos: Matthias Vogel