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Reality-Check U20 FC Viktoria 1889: Angriff auf das Establishment

Enge Spiele gegen die Topteams, konstante Entwicklung, klare Idee. Warum Himmelblau noch näher an der Spitze dran ist, als es Tabellenplatz 3 ausweist.

Die Kugel liegt zum Freistoß bereit. Mitten in der eigenen Hälfte. Urplötzlich steigt Linksverteidigerin Lea Hahn aufs Gas, sprintet die Linie entlang und fordert lautstark den langen Ball. Der kommt prompt in den Lauf. Ein Kontakt, fast ist der Winkel ein bisschen zu spitz. Doch die blonde Schienenspielerin zieht per Halbvolley ab und das Spielgerät schlägt wie eine Kanonenkugel oben in der langen Ecke des Kastens ein.

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Foto: Jessika Ekinci

Es ist die Beschreibung eines herrlichen Tores, dass Lea Hahn von der U20 des FC Viktoria 1889 Berlin kürzlich beim 2:1-Testspiel-Sieg gegen den ambitionierten Bayernligisten 1. FFC Hof erzielte. Eine Aktion, die exemplarisch für ihre Entwicklung, aber auch für die des gesamten himmelblauen Farmteams steht: Schneller, als die Polizei erlaubt, geht es nach vorne am Ostpreußendamm – und schneller als es der Konkurrenz lieb sein kann.

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Immer enorm fleißig: Anastasia Buryakin.

Trainer Darien Hoffmann wollte nach dem sechsten Platz in der Vorsaison ein Stück näher heranrücken an die Abonnenten der vorderen Plätze, wollte sie vielleicht hier und da ärgern. Jetzt, eine Halbserie später, sitzt sein Talentschuppen dem Establishment bereits dicht im Nacken. Knappe 1:2-Niederlage gegen Klassenprimus Bero zu Beginn der Saison. Super enges Match gegen den Tabellenzweiten SFC Stern 1900 (0:1) und dann ein beeindruckender 2:0-Sieg gegen Borussia Pankow.   

Dem Tabellendritten fehlen nur vier Zähler auf den Gipfel, doch es ist nicht nur die Statistik alleine. Vielmehr scheint der Vorsprung, den die Konkurrenz aufgrund der größeren Erfahrung hat, dahin zu schmelzen wie die Alpengletscher. Gegen Stern war es nur eine Ecke, „die uns um die Ohren flog“ (Hoffmann), ansonsten war die packende Begegnung komplett ausgeglichen. Und kurz vor dem 0:1 hatte Viki eine Doppel-Großchance.

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Kapitänin Layla El Khanji hält im Zentrum die Fäden zusammen. Foto: Matthias Vogel

„Das haben wir bis jetzt sehr gut gemacht. Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur Fußball spielen können, sondern auch eklige Spiele annehmen wollen. Darauf bin ich schon sehr stolz“, fasst Hoffmann die Vorrunde zusammen. Warum genau in Lichterfelde der Trend gerade Friend ist, führt der 30-Jährige auf zwei Faktoren zurück. Viermal wöchentlich wird trainiert, inklusive Spielanalyse, Kraft- und Athletik-Training. „Ich habe ihnen vor der Saison gesagt, dass wir investieren müssen – und wie diese Mannschaft mitgeht, ist unglaublich. Sie hat nicht nur Talent, sondern auch das richtige Mindset. Und dann verbessert man sich zwangsläufig“, so Hoffmann.

Am Anfang stand eine komplett andere Idee von Fußball

Zum anderen habe es ein bisschen gedauert, bis das Team verstanden hat, welche Idee er verfolge. „Hier wurde vorher ganz anders Fußball gespielt“, sagt er. „Doch sie haben mir schnell vertraut und versucht, meine Vorgaben schnell umzusetzen.“ Nun wachse das Verständnis für Spielaufbau, schnelles Umschalten, hohes Pressing, diszipliniertes Zweikampfverhalten und dominante Spielweise kontinuierlich. „Ballbesitz“, wirft Hoffmann noch als Schlagwort ein. „Aber nicht allein um dessen Willen. Sondern als Mittel, zielstrebig Chancen zu kreieren.“ Was einen irgendwie an Hahns Testspiel-Traumtor erinnert.

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Darien Hoffmann bekommt bei der Viktoria alle Zeit der Welt für die Entwicklung der U20.

Wenn er außer ihr noch jemanden herausheben müsste, wäre das beispielsweise Deborah Chmieleski, die mit 17 Treffern zusammen mit Sterns Xenia Zeinert gerade Klassenbeste ist. „In der vergangenen Saison hat sie fünfmal getroffen. Wir haben ihre Rolle etwas verändert und jetzt läuft es.“ Aber genauso könne er die stark verbesserte Abwehr oder Torhüterin Lena Orywall erwähnen, die den Sieg gegen Pankow festhielt, just als die Gäste in der zweiten Hälfte stark aufkamen.

Das Spiel gegen Bero? Fluch und Segen zugleich.

Jetzt soll das „oben Anklopfen“, wie es Hoffmann vor der Spielzeit nannte, weitergehen. Warum auch nicht, wenn man schon vor der Tür steht? Wie laut das Hämmern wird, hänge seiner Absicht nach gleich vom Auftakt ins Restprogramm am kommenden Wochenende ab, sofern das Wetter dem Spielplan keinen Strich durch die Rechnung macht. Viki müsste am Sonntag bei Bero aufdribbeln (Anstoß 14.10 Uhr). Hoffmann: „Das Spiel ist Fluch und Segen zugleich. Es geht für beide Teams um sehr viel und ich glaube an uns. Ich denke, die Tagesform wird entscheiden. Verlieren wir, fehlen uns sieben Punkte. Die aufzuholen, ist nicht realistisch. Dafür ist Bero zu konstant.“

Doch auch wenn es dazu käme, geht bei der Viktoria nicht die Welt unter. Druck gebe es keinen, sagt Hoffmann, der beim Verein auch als Bindeglied zwischen seiner Elf und dem Profiteam in der Zweiten Liga fungiert. „Aber was wir machen, wird schon mit großem Interesse verfolgt und es ist ja auch klar, dass die Zweite mittelfristig in die Regionalliga aufsteigen soll.“

Viki auch in der Rückrunde ohne Denise Eder

Im Vordergrund stehe aber weiterhin die Entwicklung, „und da sind wir noch lange nicht da, wo ich hinwill“, so der Trainer.  Apropos: Wenn es etwas gibt, woran in der Rückrunde im Besonderen gefeilt wird, ist es der Abschluss. „Da sind wir noch nicht effizient genug“, sagt Hoffmann. Umso schwerer wiegt der Ausfall von Denise Eder, die in der Vorrunde bei der Ersten mittrainierte, nun bei der U20 hätte Spielpraxis sammeln sollen, sich aber schwer verletzt hat. „Sie hätte uns gutgetan. Aber wir kriegen das auch so hin.“