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Pokalfinale mit Sehnsucht, Gänsehaut und gegenseitigem Respekt

Das große Doppelinterview vor dem Endspiel der 1. Frauen zwischen Berolina Mitte und der FSV Hansa 07 am Sonntag im Volkspark Mariendorf.

Der Berliner Polytan-Wanderpokal wechselt am Sonntag seinen Besitzer – und der Frauenfußball in Berlin bekommt ein Finale, das in vielerlei Hinsicht besonders ist. Am Sonntag treffen im Stadion Volkspark Mariendorf Berolina Mitte und FSV Hansa 07 aufeinander (15 Uhr). Beide Teams können erstmals in ihrer Vereinsgeschichte die Auszeichnung in die Höhe recken – und beide eint das Gefühl, bereits jetzt Teil von etwas Besonderem zu sein.

In Zusammenarbeit mit dem Berliner Fußball-Verband hat das Frauenfußball Portal rasenperlen.de vor dem Endspiel mit Berolinas Kapitänin Irina Von Schorlemer und Hansas Co-Kapitänin Lykka Maibaum gesprochen. Über Gänsehaut-Momente, Trainer, die an ihre Teams glauben, gegenseitigen Respekt – und den Traum vom DFB-Pokal.

Hallo ihr zwei. Beide Teams können eine bärenstarke Saison in der Berlin-Liga veredeln. Mit dem Finaleinzug wurde diese Chance plötzlich greifbar. Was hat das mit euch gemacht?

Irina von Schorlemer: „Das hat einfach pure Freude ausgelöst. Ich glaube, das hat man gegen Pankow auch gemerkt, wie wir uns einfach so tief gefreut haben. Und ich glaube, das ist auch die Einstellung, mit der wir jetzt da rangehen: Wir wollen das einfach genießen. Gleichzeitig wächst natürlich auch das Bewusstsein dafür, dass wir wahrscheinlich die stärkste Saison der Vereinsgeschichte spielen. Nicht nur erfolgreich, sondern auch mit richtig schönem Fußball. Das wollen wir jetzt am Wochenende nochmal umsetzen, genießen und im besten Fall natürlich krönen.“

Lykka Maibaum: „Bei mir löst das immer noch extreme Gänsehaut aus, wenn ich an dieses Halbfinale denke. Es war ziemlich voll, viele Leute aus dem Verein waren da, viele Kids. Dieses Gefühl, dass der ganze Verein hinter uns steht und sich mit uns freut, war einfach genial. Wir haben zu Beginn der Saison immer gesagt, dass wir vom Pokalfinale träumen. Das war irgendwie unser Slogan. Aber ich glaube, niemand hat wirklich damit gerechnet, dass das wahr wird. Dass das jetzt Realität ist, fühlt sich immer noch ziemlich unfassbar an. Gerade passt einfach super viel bei uns – im Team, mit den Trainer:innen zusammen. Nach der schwierigen letzten Saison tut das einfach richtig gut.“

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Hansas Co-Kapitänin Lykka Maibaum.

Welchen Anteil haben eure Trainer:innen am Erfolg?

Lykka: „Ich glaube schon, dass Philipp (Headcoach Pawelzik, d. Red.) einen ziemlich großen Anteil hat. Dieses: Warum denn nicht einfach mal dran glauben? Vor der Saison hätten wahrscheinlich die wenigsten von uns gesagt: Pokalfinale. Aber Philipp, Canan und Stefan (Co-Coaches Freiin von Medem und Rudnick, d. Red.) haben das einfach gemacht. Natürlich auch ein bisschen mit Augenzwinkern – als Team, das letzte Saison fast abgestiegen wäre. Aber eben auch mit dem Gedanken dahinter, dass wir eigentlich wissen, was wir können. Dass wir in diese Liga gehören. Man merkt jetzt einfach, wie wichtig die komplette Sommervorbereitung und diese gemeinsame Saison waren. Das passt gerade einfach alles sehr gut zusammen.“

Irina: „Frank (Trainer Krug, d. Red.) hat einen riesengroßen Anteil daran, dass wir jetzt da stehen, wo wir stehen. Über die Saison hat man immer mehr gesehen, wie er Fußball spielen lassen möchte. Auch wenn wir im Training manchmal die Augen verdrehen und denken: Warum machen wir jetzt schon wieder diese klein-klein-Übungen? Aber genau das hilft uns im Spiel total. Dass wir auf engem Raum schnell Lösungen finden und immer wieder produktive Irritationsmomente schaffen, wie wir das nennen. Man merkt gerade hinten raus in der Saison richtig, dass sich viele Übungen im Spiel wiederfinden. Gleichzeitig profitiert das Trainerteam, glaube ich, auch davon, dass wir viele Spielerinnen haben, die das Spiel wirklich verstehen und sich gerne damit auseinandersetzen. Frank schafft es, dass starke Charaktere bei uns frei bleiben dürfen und nicht in ein Korsett gezwängt werden. Diese Mischung macht uns gerade stark.“


„Hart in der Sache, aber nie übers Maß hinaus.“

Zwischen euren Teams herrscht viel Sympathie., wenn nicht gar Freundschaft. Wie blendet man das in einem Finale aus?

Irina: Natürlich will jede gewinnen. Als wir in der Liga gegeneinander gespielt haben, war das ja trotzdem schon intensiv. Ich habe eurer Nina aus Versehen fast ein blaues Auge gehauen und mir wurden gefühlt ständig die Kapseln aus der Hand getreten. Aber ich finde, wir sind beide keine Teams, die in Unsportlichkeit verfallen. Keine brutalen Fouls, keine unnötigen Stänkereien. Schon hart in der Sache, aber nie übers Maß hinaus. Wir begegnen uns da total erwachsen und respektvoll. Dadurch steht einfach ein richtig gutes Fußballspiel im Vordergrund.“

Lykka: „Natürlich schenken wir uns nichts. Ich sage ja nicht: Komm, schießt mal euer Traumtor. Diesen Ehrgeiz brauchen beide Teams, sonst würden wir nicht im Finale stehen. Aber fair kann man trotzdem miteinander umgehen. Wenn sich jemand verletzt, regt sich niemand darüber auf oder unterstellt irgendwas. Im Grundsätzlichen versteht man sich einfach gut.“

Irina: „Ich erinnere mich an eine Szene im Ligaspiel, da war ich hundertprozentig überzeugt, dass der Einwurf uns gehört. Und dann meinte eure Bank einfach: Nee, nee, der war wirklich für uns. Da habe ich sofort gesagt: Okay, wenn ihr das sagt. Das beschreibt eigentlich ganz gut diesen gegenseitigen Respekt.“

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Irina Von Schorlemer, Kapitänin des Vizemeisters Berolina Mitte.

Wäre es für beide Vereine der erste Pokalsieg im Frauenbereich?

Lykka: „Ja, ziemlich sicher.“

Irina: „Im Frauenbereich auf jeden Fall. Ich meine, irgendwo aufgeschnappt zu haben, dass die Bero-Männer vor vielen Jahren mal nah dran waren. Im Jugendbereich gab es Erfolge, aber bei den Frauen noch nicht.“

Dadurch, dass viele große Vereine inzwischen bundesweit spielen, wirkt der Wettbewerb offener. Spürt man das?

Lykka: „Ja, schon. Und ich finde, dieses Jahr ist der Pokal wirklich wieder das, was der Pokal sein soll. Nicht immer nur Profi-Teams gegeneinander, sondern Vereine, die sonst vielleicht nicht so die große Bühne haben und jetzt plötzlich in einem großen Stadion spielen.“

Irina: „Ja. Und das ist gut so. So kann sich der Berliner Fußball auch ein Stück weit neu orientieren. Ich glaube, da entsteht gerade etwas Spannendes.“


„Natürlich träumt man davon, dass Bayern irgendwann in die Wrangelritze kommt.“

Mit dem Pokalsieg winkt auch der DFB-Pokal. Denkt man daran schon?

Lykka Maibaum:
„Es wäre gelogen zu sagen, dass wir das überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Natürlich träumt man davon, dass Bayern irgendwann in die Wrangelritze kommt – solche Gedanken gibt es natürlich. Aber gerade fühlt sich das alles eher wie ein Bonus an. So wie das Pokalfinale selbst auch.“

Irina von Schorlemer:
„Die Mädels träumen davon schon. Der Pokal selbst ist das eine – aber dann im DFB-Pokal zu spielen, gehört irgendwie auch zum Preis dazu. Mit dem Pokal auf dem Ärmel aufzulaufen, das ist natürlich schon geil.“

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In welcher Garderobe erwartet ihr eure Trainer:innen? Philipp hat mit dem Anzug ja la Mourinho ja schon vorgelegt.

Lykka: „Alle drei Trainer:innen im Anzug – immer.“

Irina: „Frank erwarte ich im Trainingsanzug. Wie er leibt und lebt.“

Was erwartet ihr vom Publikum? Bei Hansa war im Halbfinale richtig viel los, zu den Finalspielen in Mariendorf traditionell auch. Gibt der Support nochmal extra etwas?

Irina: „Ich glaube, bei uns nicht so viel wie bei Hansa. Wir kamen jetzt nicht an eure Pyrotechnik-Wunder ran.“

Lykka: „Psssst! Die waren nur von KI reinbearbeitet.“

Irina: „Wir konnten durch die ganzen Verschiebungen natürlich noch nicht so lange die Werbetrommel rühren. Aber wir hoffen, dass das Stadion am Ende blau-weiß ist – um hier nochmal ein bisschen was Spiciges reinzuwerfen.“

Lykka: „Ich weiß, dass bei uns auf jeden Fall schon Planungen laufen. Da sind Leute, die richtig Bock haben, einen geilen Fansupport zu machen. Darauf freuen wir uns alle mega. Das hat uns schon durchs Halbfinale getragen: dass es ein Heimspiel war, dass die Stimmung so gut war und man gemerkt hat, alle sind dabei, alle fiebern mit. Natürlich hoffen wir, dass es im Pokalfinale genauso wird.“

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Der große Rasenplatz in Mariendorf ist für beide ungewohnt. Wird das ein Faktor?

Lykka: „Klar ist das anders. Wir spielen sonst fast nur auf kleinen Kunstrasenplätzen. Jetzt kommt ein großer Rasenplatz dazu. Das wird schon auch körperlich ein Faktor werden, gerade wenn es warm wird.“

Irina: „Unser Spiel lebt viel von kurzen Pässen und engen Abständen. Auf einem großen Platz muss man sich da schon umstellen. Gerade in Kombination mit Rasen wird das spannend. Aber am Ende bin ich trotzdem optimistisch.“

Und? Wie geht’s aus?

Lykka: „2:1 für Hansa.“

Irina: „Dann sage ich 4:2 für Bero.“


Interview: Matthias Vogel
Fotos: Loredana Zafisambondaoky