Union-Stadionsprecherin Bettina Bestgen über ihren Weg an das Stadionmikrofon, die besondere Atmosphäre im Frauenfußball und warum sie sich wünscht, dass irgendwann nicht mehr das Geschlecht, sondern nur noch die Leistung im Mittelpunkt steht.
Als Union Berlin mit seiner Frauenmannschaft erstmals in die Bundesliga aufstieg, stand auch am Stadionmikrofon erstmals eine Frau. Bettina Bestgen begleitet die Heimspiele der Eisernen seitdem als Stadionsprecherin. Im Gespräch mit Rasenperlen spricht die Moderatorin und Journalistin über ihren Weg zu Union, ihre Leidenschaft für den Frauenfußball, den Umgang mit Vorurteilen und darüber, warum sie sich im Verein längst zuhause fühlt.

Rasenperlen: Bettina, als Union in die Frauen-Bundesliga aufgestiegen ist, hast du Christian Arbeit (Geschäftsführer Kommunikation, Pressesprecher sowie der Stadionsprecher, d. Red.) geschrieben: „Jetzt braucht ihr aber eine Frau.“ Wie kam es dazu?
Bettina Bestgen: „Ich bin Moderatorin und Journalistin. Angefangen habe ich beim Radio, später kamen Fernsehen, Bühnenmoderation und Live-Events dazu. Zu Union kam ich über ein Interview mit Urs Fischer für radioeins. Daraus entstand der Kontakt zum Verein – und der ist nie abgerissen.“
Ich war anschließend regelmäßig bei den Spielen der Männer und der Frauen. Als dann der Aufstieg der Frauen in die Bundesliga feststand, habe ich Christian mit einem Augenzwinkern geschrieben: „Jetzt braucht ihr aber eine Frau.“
Du warst also schon lange vor deiner heutigen Aufgabe regelmäßig bei Union?
„Genau. Ich hatte damals noch keine Funktion, sondern war einfach gerne hier. Der Kontakt zum Verein ist über die Jahre geblieben.“
Woher kommt deine Begeisterung für Fußball?
„Ich komme aus einer sehr sportbegeisterten Familie. Bei uns liefen zu Hause Wintersport, Tennis und natürlich Fußball. Meine Mutter schaut sehr viel Fußball, mein Vater sogar noch mehr. Dadurch bin ich praktisch damit aufgewachsen.“

War Frauenfußball für dich schon damals ein Thema?
„Ja. Und mit der Zeit natürlich auch beruflich. Menschen haben mitbekommen, dass ich häufig zu Spielen gehe. Frauenfußball liegt mir am Herzen. Deshalb war für mich klar: Wenn Union mit den Frauen Bundesliga spielt, dann sollte dort auch eine Frau am Mikrofon stehen.“
Du bist die erste Stadionmoderatorin bei Union. Hat dich dieser Gedanke gereizt?
„In Berlin bin ich tatsächlich die erste. Deutschlandweit gibt es nur sehr wenige Frauen in dieser Rolle. Natürlich freut mich das. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass das irgendwann gar keine Besonderheit mehr ist. In diese Richtung sollte sich der gesamte Fußball entwickeln.
Nehmen wir Marie-Louise Eta (übernahm nach der Trennung von Steffen Baumgart interimsweise die Profimannschaft der Männer, d. Red.). Natürlich wurde überall geschrieben, dass eine Frau diese Aufgabe übernimmt. Ich hoffe einfach, dass wir irgendwann an dem Punkt sind, an dem nur noch über ihre Arbeit gesprochen wird.
Nicht: ,Schaut mal, eine Frau.‘ Sondern: ,Schaut mal, was sie fachlich leistet.‘ Dann wären wir einen großen Schritt weiter. Wenn heute ein Mann eine Mannschaft übernimmt und das erste Spiel verliert, heißt es: ,Gib ihm Zeit‘. Bei einer Frau kommen leider oft sofort Stimmen, die sagen: ,Siehst du, ich habe es doch gleich gewusst.‘
Das finde ich unfair. Dadurch steht sie unter einem deutlich größeren Druck als viele männliche Kollegen. Umso mehr habe ich mich über den ersten Sieg gefreut – für sie, für die Mannschaft und für den ganzen Verein.

Du wirkst, als hättest du bei Union längst eine Heimat gefunden. Täuscht der Eindruck?
„Nein, überhaupt nicht. Ich fühle mich hier wirklich angekommen. Natürlich ist das für mich auch ein Auftrag. Aber Union ist viel mehr als das. Es ist ein Herzensprojekt.“
Was macht den Verein für dich besonders?
„Dieses Familiäre. Die Loyalität. Die Bescheidenheit. Ich habe hier noch niemanden kennengelernt, bei dem ich dachte: Mit dem komme ich überhaupt nicht klar. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Ich habe das Gefühl, dass der Verein hinter mir steht. Deshalb ist es sehr leicht, sich hier wohlzufühlen.“
„Das ich bei meinem Verein arbeiten kann, ist das Schönste daran.“
Inzwischen moderierst du nicht mehr nur die Heimspiele der Frauen.
„Genau. Es ist mit der Zeit immer mehr geworden. Ich moderiere inzwischen auch Podiumsdiskussionen und andere Veranstaltungen wie neulich den Inklusionstag für Union. Das ist eine Entwicklung, die sich ganz natürlich ergeben hat und über die ich mich sehr freue.“

Ist Union für dich auch beruflich ein wichtiger Schritt?
„Natürlich. Aber ehrlich gesagt bedeutet mir Union vor allem persönlich sehr viel. Dass ich bei meinem Verein arbeiten darf, ist das Schönste daran.“
Kommen wir zu deiner ersten Saison bei den Frauen von Union. Was war bislang der Moment, der dir am stärksten in Erinnerung geblieben ist?
„Das erste Bundesliga-Heimspiel gegen Nürnberg. Einfach dieses Gefühl: Das sind unsere Frauen – und sie spielen jetzt tatsächlich in der 1. Bundesliga. Allein dieser Gedanke war schon etwas ganz Besonderes.
Der Schritt von der 2. in die 1. Bundesliga ist riesig. Das merkt man am Tempo, am medialen Interesse, an den Rahmenbedingungen und natürlich auch am Druck.“



Gab es darüber hinaus einen Moment, der dir besonders nahegegangen ist?
„Ja, nach unserer langen Durststrecke. Wir hatten viele Verletzungen und mussten lange auf einen Heimsieg warten. Als wir dann endlich wieder gewonnen haben, sind sich alle in die Arme gefallen. Das war ein richtiger Gänsehautmoment.
Aber nicht nur deshalb. Mich hat beeindruckt, wie positiv die Mannschaft trotz dieser schwierigen Phase geblieben ist. Natürlich ist direkt nach einer Niederlage niemand gut gelaunt. Aber wie schnell die Spielerinnen den Blick wieder nach vorne richten, hat mich sehr beeindruckt.“
Du stehst bei jedem Heimspiel am Mikrofon. Ist es schwieriger, die richtigen Worte zu finden, wenn die Mannschaft verloren hat?
„Ja, manchmal schon. Ich habe mich nach Niederlagen oft gefragt: ‚Was sage ich jetzt?‘ Von mehreren Menschen bei Union habe ich dann den Rat bekommen: ‚Sei ehrlich. Sprich aus, was du fühlst.‘ Genau das versuche ich seitdem. Ich glaube, wenn man ehrlich ist und das ausspricht, was man selbst empfindet, erreicht man die Menschen am ehesten.“

Man hat den Eindruck, dass zwischen dir und der Mannschaft inzwischen eine besondere Verbindung entstanden ist.
„Ja, das würde ich schon sagen. Die Spielerinnen haben mich unglaublich herzlich aufgenommen. Sie wissen, wer ich bin, man begrüßt sich, klatscht sich ab. Das freut mich sehr. Aber am schönsten finde ich zu sehen, wie sich diese Mannschaft entwickelt hat. Nach all den Rückschlägen wieder aufzustehen und als Team zusammenzuwachsen – das war für mich eines der schönsten Erlebnisse dieser ersten Saison.“
Du verfolgst den Frauenfußball längst nicht nur bei Union. Was unterscheidet ihn aus deiner Sicht vom Männerfußball?
„Was mich am Frauenfußball begeistert, ist die Atmosphäre. Ich habe früher auch viel Männerfußball erlebt. Beim Frauenfußball gibt es deutlich weniger Aggressivität auf und neben dem Platz. Das empfinde ich als sehr angenehm. Natürlich wird auch hier um jeden Ball gekämpft. Aber oft stehen die Spielerinnen nach einem Foul wieder auf, schütteln sich kurz und spielen weiter. Diese Selbstverständlichkeit gefällt mir.
Auch auf den Rängen ist die Stimmung eine besondere. Bei unseren Heimspielen kommen viele Familien mit Kindern. Die Atmosphäre ist unglaublich herzlich. Das ist eine große Stärke des Frauenfußballs.“

Gleichzeitig beobachtest du den Frauenfußball auch außerhalb der Bundesliga.
„Ja. Und da merkt man natürlich Unterschiede. Nicht bei den Spielerinnen, sondern bei den Rahmenbedingungen. Manchmal ist der Rasen in keinem guten Zustand, der Imbiss bleibt geschlossen, weil jemand krank geworden ist, oder die Stadiondurchsagen sind kaum zu verstehen. Das sind Kleinigkeiten – aber sie zeigen eben auch, unter welchen Bedingungen viele Spielerinnen Woche für Woche Fußball spielen.
Deshalb finde ich es außergewöhnlich, dass Union Frauen und Männer künftig gemeinsam auf einem Trainingsgelände zusammenbringt. Das ist alles andere als selbstverständlich.“
Ein Thema beschäftigt dich besonders: die ständigen Vergleiche zwischen Frauen- und Männerfußball.
„Ja. Die stören mich wirklich. Man vergleicht den Frauenfußball ständig mit dem Männerfußball. Dabei macht das doch kaum jemand in anderen Sportarten. Ich wünsche mir, dass Frauenfußball endlich als eigenständiger Sport wahrgenommen wird. Er muss sich nicht ständig rechtfertigen oder beweisen.
Es gibt eine Reportage des Schweizer Fernsehens, die ich am liebsten jedem zeigen würde, der den Frauenfußball vorschnell mit dem Männerfußball vergleicht. Sie veranschaulicht eindrucksvoll, warum viele dieser Vergleiche zu kurz greifen. Informiert euch erst einmal. Danach können wir gerne diskutieren.“
„Labern lassen. Weitermachen.“
Mario Basler hat zuletzt mit seinen Aussagen über den Frauenfußball erneut polarisiert. Unter anderem sagte er: „Fußball ist nichts für Frauen“ und behauptete, Frauenfußball habe „mit Fußball nichts zu tun“. Was geht dir durch den Kopf, wenn du so etwas hörst?
„Zuerst möchte ich Katharina Reckers loben, die dieses Interview geführt hat. Ich kenne sie und habe ihr danach geschrieben, wie stark ich das fand. Und den Spielerinnen würde ich vor allem eines mitgeben: Versucht, so gut es geht, nicht auf solche Stimmen zu hören. Ich weiß, dass das leichter gesagt als getan ist. Aber Menschen, die fies sein wollen, sind leider oft unfassbar laut. Diejenigen, die unterstützen, Komplimente machen oder einfach Freude am Frauenfußball haben, sind häufig viel leiser.
Deshalb wünsche ich jeder Spielerin, dass sie sich einen kleinen Schutzpanzer zulegt. Und sich sagt: ‚Labern lassen. Weitermachen.‘ Lasst euch nicht verunsichern. Ich weiß, wie schwer das manchmal ist. Aber genau das würde ich ihnen mit auf den Weg geben.“
Wenn du einen Wunsch frei hättest – für den Frauenfußball allgemein oder speziell für Union –, welcher wäre das?
„Bei Union darf ich mich wirklich nicht über mangelnde Unterstützung beklagen. Natürlich wünsche ich mir trotzdem, dass wir irgendwann jedes Heimspiel vor einem ausverkauften Stadion spielen. Vor allem wünsche ich unserer Mannschaft, dass sie den Weg der vergangenen Monate weitergehen kann. Nach den vielen Verletzungen und den personellen Veränderungen hat sich das Team unglaublich entwickelt. Man darf nicht vergessen, dass nach dem Aufstieg fast die halbe Mannschaft neu zusammengestellt werden musste. Ich wünsche mir, dass diese Entwicklung weitergeht.
Für den Frauenfußball insgesamt wünsche ich mir bessere Rahmenbedingungen. Dazu gehören für mich auch die Anstoßzeiten. Oft wird erst geschaut, wann alle Männerligen gespielt haben – und dann bekommen die Frauen die übrigen Termine. Montagabend um 18 Uhr ist für viele einfach schwierig. Familien mit Kindern schaffen es kaum ins Stadion, Berufstätige kommen oft nicht rechtzeitig und Auswärtsfans müssen sich teilweise sogar Urlaub nehmen. Ich verstehe die wirtschaftlichen Gründe dahinter. Aber für die Entwicklung des Frauenfußballs wünsche ich mir bessere Lösungen.“

Du hast vorhin gesagt, dass du dich bei Union angekommen fühlst. Wenn du nach vorne blickst: Hast du noch große berufliche Ziele oder genießt du im Moment einfach das, was gerade entsteht?
„Im Moment wünsche ich mir vor allem, dass ich bei mir bleibe. Und natürlich wünsche ich mir, dass ich den Weg mit unseren Frauen weitergehen darf. Es fühlt sich gerade alles sehr natürlich an. Es wächst Schritt für Schritt – und genau so soll es gerne weitergehen.
Neben Union arbeite ich weiterhin als Moderatorin, vor allem auch für Schweizer Medien. Ich moderiere Festivals, entwickle Bühnenformate und arbeite an unterschiedlichen Projekten. Jedes Jahr sieht ein bisschen anders aus – und genau das mag ich an meinem Beruf.“
Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Du stehst regelmäßig vor Tausenden Menschen im Stadion. Trotzdem hatte ich im Gespräch nie das Gefühl, dass du dich selbst in den Mittelpunkt stellst.
„Das stimmt wahrscheinlich. Ich bin eigentlich viel lieber diejenige, die Fragen stellt. Deshalb fühlt sich ein Interview über mich manchmal immer noch ungewohnt an. Was ich mache, mache ich wahnsinnig gern. Aber im Stadion geht es nicht um mich. Es geht um die Spielerinnen. Ich darf ihren Fußball begleiten. Und das ist für mich etwas ganz Besonderes.“
Titelbild: Kevin Fuchs

