Als Teamärztin der Hansa-Frauen sorgt die 57-Jährige mit Erfahrung, Fachwissen und Herzblut für Sicherheit – auf und neben dem Platz.
Es sind oft nur wenige Sekunden, in denen entschieden werden muss, was zu tun ist. Liegt eine Spielerin verletzt am Boden, geht beim FSV Hansa 07 der Blick nicht nur zur Trainerbank. Dann ist auch Susanne Diehl gefragt. Die 57-jährige Fachärztin für Allgemeinmedizin und Chirurgie ist seit der vergangenen Saison offiziell Teamärztin des Berlin-Ligisten – und für die Spielerinnen längst eine unverzichtbare Stütze.

Dabei begann ihr Weg an den Spielfeldrand ganz unspektakulär. Weil ihre drei Töchter Fußball spielten – und noch immer alle bei Hansa 07 aktiv oder im Verein engagiert sind –, verbrachte sie ohnehin unzählige Stunden auf den Sportplätzen Berlins. Lange bevor sie auf dem Spielberichtsbogen stand, wurde sie bei Verletzungen regelmäßig von der Zuschauerseite aufs Feld gewunken. „Wenn ich sowieso da bin und helfen kann, warum dann nicht offiziell?“, lautete irgendwann ihre naheliegende Überlegung. Seitdem sitzt sie auf der Bank – eine von nur wenigen Teamärztinnen im Berliner Amateurfußball.
Susanne Diehls Engagement kennt keine Vereinsfarben
Dabei profitiert Hansa von einer Erfahrung, die weit über den Fußball hinausgeht. Diehl arbeitete viele Jahre in der Rettungsstelle und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Unfallchirurgie. Gerade strebt sie zusätzlich die Qualifikation als Sportmedizinerin an.
Dass sie den Unterschied machen kann, zeigte sich in der vergangenen Saison gleich mehrfach. Als sich eine Hansa-Spielerin das Handgelenk brach, erkannte Diehl sofort die Schwere der Verletzung und übernahm die Erstversorgung. Ihr großer Vorteil: Sie weiß, wann ein Rettungswagen tatsächlich notwendig ist – und wann nicht. Statt eine Spielerin stundenlang in einer überfüllten Rettungsstelle warten zu lassen, kann sie die Verletzung zunächst versorgen und anschließend dafür sorgen, dass sie zeitnah in einer geeigneten Klinik behandelt wird. „Man muss nicht immer sofort mit dem Rettungswagen losfahren“, erklärt sie. Oft sei die bessere Versorgung wichtiger als der schnellste Transport.

Wie etwa beim Heimspiel gegen Grün-Weiß Neukölln. Bereits nach wenigen Minuten prallten zwei Spielerinnen mit den Köpfen zusammen. Während von außen schnell der Ruf nach einem Rettungswagen laut wurde, blieb Diehl ruhig. Aufgrund ihrer Erfahrung konnte sie die Situation einschätzen und entschied gemeinsam mit den Verantwortlichen, dass kein Notarzteinsatz erforderlich war. „Manchmal ist es besser, erst einmal Ruhe zu bewahren“, sagt sie. „Zudem hatte auch Neukölln zwei Krankenschwestern auf der Bank, die beiden waren also in besten Händen.“
Auch im Auswärtsspiel in Friedrichshagen war Diehls Erfahrung Gold wert. Eine Gegenspielerin zog sich eine schwere Knieverletzung zu, und Diehl kümmerte sich sofort um die Erstversorgung – renkte unabhängig von den Vereinsfarben die Kniescheibe wieder ein. Im Nachgang ärgerte sie sich darüber, dass sich offenbar in der Wahrnehmung des Gastgebers niemand um die verletzte Spielerin gekümmert habe. Tatsächlich war sie ja unmittelbar nach der Verletzung zur Stelle gewesen, sagt sie.
Seit dieser Saison bietet die Teamärztin auch einen Check-Up für die Spielerinnen an
Diehls Aufgabe endet jedoch nicht mit dem Abpfiff. Die Spielerinnen können sich jederzeit bei ihr melden – egal ob wegen kleiner Beschwerden oder größerer Verletzungen. In ihrer Praxis ermöglicht sie kurzfristige Termine, wenn schnelle Hilfe gefragt ist. Vor der neuen Saison bot sie außerdem medizinische Check-ups an. Stimmen die Eisenwerte? Ist die Schilddrüse richtig eingestellt? Gibt es körperliche Auffälligkeiten, die später zu Verletzungen führen könnten? Auch Verletzungsprophylaxe gehört inzwischen zu ihrem Engagement.
Trainer Stefan Rudnick weiß genau, welchen Wert das für die Mannschaft hat: „Die Spielerinnen können sie jederzeit anrufen – egal ob wegen kleiner Wehwehchen oder größerer Verletzungen. Sie bekommen auch immer schnell Termine in ihrer Praxis. Wir sind sehr froh, sie zu haben. Vor allem die Spielerinnen.“

Dass ihr Engagement rein ehrenamtlich ist, spielt für Diehl keine Rolle. „Wenn das Zeichen kommt, dass ich aufs Feld soll, denke ich jedes Mal: Jawoll, geht los!“, sagt sie mit einem Lächeln. Dabei interessierte sie sich ursprünglich sogar mehr für Basketball als für Fußball, geschweige denn für die Bundesliga der Männer. Erst durch ihre Töchter fand sie den Weg zum Fußball – und schließlich zum FSV Hansa 07.
Eine ihrer Lieblingsgeschichten erzählt sie selbst mit einem Augenzwinkern. Vor vielen Jahren spielte Tochter Rosa noch mit Jungen, als die ältere Schwester Clara plötzlich aufgeregt zu ihr lief. „Da drüben liegt ein Mann!“, sagte sie. Diehl reagierte zunächst gelassen. „Ich dachte mir nichts dabei, weil Männer beim Fußball doch dauernd auf dem Boden liegen.“ Erst als die damals elfjährige Clara nicht locker ließ, schaute sie genauer hin. Tatsächlich war der Mann bewusstlos. Natürlich eilte sie sofort hinüber und half. Es ist eine Anekdote, über die sie heute selbst lachen kann – auch wenn sie künftig auch alle HInweise auf Notfälle im Männerfußball sofort ernst nehmen wird.
„Mir macht das einfach ungeheuren Spaß
Ihr persönliches Highlight der abgelaufenen Berlin-Liga-Saison der Frauen war das Halbfinale im Berliner Polytan-Pokal ihrer Schützlinge. „Die Atmosphäre war unglaublich. Die Wrangelritze hat richtig gebebt“, erinnert sie sich. Überhaupt schwärmt sie von der Mannschaft. Die Stimmung sei außergewöhnlich gut, die Trainer Philipp Pawelzik und Stefan Rudnick arbeiteten mit enormer Energie und die Spielerinnen gingen hervorragend miteinander um. Deshalb möchte sie den Weg der Mannschaft auch in Zukunft weiter begleiten – unabhängig davon, ob Tochter Rosa gerade auf dem Platz steht oder nicht. „Mir macht das einfach ungeheuren Spaß“, sagt sie.
Fotos: FSV Hansa 07
