Nach dem nächsten großen Aderlass setzt Türkiyemspor auf ein neues Trainer-Duo, Zusammenhalt, die eigene U23 – und darauf, dass eine echte Einheit einiges auffangen kann.
Auf dem Papier sieht das erst einmal ziemlich heftig aus. Schon im vergangenen Winter verlor Türkiyemspor Berlin fast zehn Spielerinnen. Jetzt ist die Liste der Abgänge wieder lang. Und es gehen nicht einfach nur viele Spielerinnen, sondern auch eine Menge Qualität. Dazu stehen mit Sinem Solmaz (bislang eigene U23) und Cem Karaçali (neu im Frauenfußball) relativ unerfahrene Coaches an der Seitenlinie.

Trotzdem herrscht rund um das Willy-Kressmann-Stadion keine schlechte Stimmung. Im Gegenteil. Türkiyemspor setzt auf etwas, das schon in der vergangenen Rückrunde gewachsen ist: Die Mannschaft ist enger zusammengerückt. Lieber ein Team, das wirklich miteinander funktioniert, als viel individuelle Klasse, die auf dem Platz nicht zusammenfindet – so lässt sich die Haltung im Verein ganz gut zusammenfassen. Ob diese Rechnung aufgeht, gehört zu den spannenden Fragen der neuen Saison.
Teamcheck
Eigentlich hatte Türkiyemspor diese Situation gerade erst hinter sich. Nach den vielen Abgängen im vergangenen Winter musste sich die Mannschaft schon während der Saison neu finden. Einfach war das nicht. Aber es entstand auch etwas, das den Berlinerinnen in der Rückrunde half: Die verbliebenen Spielerinnen rückten enger zusammen.

Am Ende gelang der Klassenerhalt. Das war das große Ziel. Gleichzeitig wusste Türkiyemspor, wo noch einiges fehlte. Zu oft schaffte es die Mannschaft nicht, ihre Möglichkeiten über ein komplettes Spiel abzurufen.

Nun beginnt die nächste Runde. Lorin-Hiva Beyaztepe, Lena-Marie Wolter Cosme und Ciara Abdel Sadk wechseln zu Delay. Jocelyne Zafisambondaoky und Katarina Gordienko schließen sich Berolina Mitte an, Ronja Lange geht zum Friedrichshagener SV. Meliah Hartmann zieht es zur U23 des 1. FC Union Berlin, Liliana Palacios nach Hohen Neuendorf und Angelina Lübcke zum 1. FFV Erfurt. Chiara Hemmerich verlässt die Mannschaft wegen eines studienbedingten Umzugs.
Das wiegt schwer. Nicht nur wegen der Zahl der Abgänge, sondern auch wegen der Qualität, die damit verloren geht.

Von außen kommen lediglich Medine Demirci aus der U17 von Hertha BSC und Jasmin Frenzel von Turbine Potsdam III dazu. Einen großen Teil will Türkiyemspor aus den eigenen Reihen auffangen. Karla Wiegmann, Sarah Wippig, Hanna Baldauf und Mayumi Lorendo Ahoki kehren aus der U23 zurück und kennen die erste Mannschaft bereits. Auch weitere Spielerinnen aus der U23 bekommen die Gelegenheit, sich oben zu zeigen.
Mit 20 Spielerinnen ist der Kader nicht üppig besetzt. Und natürlich lässt sich individuelle Klasse nicht einfach eins zu eins durch Zusammenhalt ersetzen. Aber Türkiyemspor hat in den vergangenen Monaten erlebt, was entstehen kann, wenn eine Mannschaft enger zusammenrückt.

Genau darauf baut der Verein. Statt ständig darauf zu schauen, wer alles nicht mehr da ist, richtet sich der Blick auf die Gruppe, die jetzt da ist. Eine Mannschaft, die miteinander arbeitet und sich gegenseitig unterstützt, ist den Verantwortlichen wichtiger als einzelne Namen.
Das Ziel bleibt ambitioniert
Und verstecken will sich Türkiyemspor damit nicht. Das Ziel ist sogar höher gesteckt als vor einem Jahr: Die Berlinerinnen wollen sich im stabilen Mittelfeld der Regionalliga etablieren und sich gegenüber der Vorsaison verbessern.
Dafür wurde in der Vorbereitung vor allem an taktischen Abläufen, der Kommunikation und dem schnellen Umschalten gearbeitet. Und an einem Punkt, der Türkiyemspor schon in der vergangenen Saison beschäftigte: Gute Phasen allein reichen nicht. Die Mannschaft will ihre Leistung diesmal möglichst bis zum Schlusspfiff auf den Platz bringen.
Perlentaucher
Fußballerisch soll Türkiyemspor aus klaren Strukturen kommen, ohne berechenbar zu werden. Die Berlinerinnen wollen das Spiel kontrollieren und nach Ballgewinnen schnell umschalten. Immer wieder sollen daraus Momente entstehen, mit denen der Gegner nicht rechnet.
Fast noch wichtiger ist dem Trainerteam aber, was zwischen den Spielerinnen passiert. Wenn eine nicht zur Stelle sein kann, soll die nächste da sein. Helfen, miteinander reden, sich gegenseitig absichern – dieses Miteinander soll von außen schnell zu erkennen sein.

Dazu passt, dass das Trainerteam keine einzelne Spielerin herausheben möchte. Erfahrene Kräfte sollen genauso Verantwortung übernehmen wie die Jüngeren. Türkiyemspor bringt den Gedanken selbst auf einen einfachen Satz: „Wenn eine Spielerin strahlt, strahlen die anderen mit.“
Auch das Trainerteam geht in einer neuen Konstellation in die Saison. Langjährige Erfahrung und enge Verbindungen zum Verein treffen auf neue Impulse von außen. Neben dem Platz soll es familiär bleiben. Auf dem Platz wird trotzdem Anspruch und Konzentration verlangt.
Darauf kommt es an
Türkiyemspor setzt auf eine Mannschaft, die füreinander arbeitet, Verantwortung verteilt und sich auch durch schwierige Phasen trägt. Entscheidend wird sein, ob daraus genügend Stabilität für eine Spielzeit entsteht.



Denn schon im vergangenen Jahr gelang es nicht immer, die eigene Leistung über ein komplettes Spiel abzurufen. Genau das soll besser werden: weniger Schwankungen, weniger Phasen, in denen Türkiyemspor nachlässt, mehr Konstanz bis zum Schlusspfiff. Die Regionalliga dürfte es bestrafen, wenn das nicht gelingt. Und dann wird es eine knifflige Saison.
Titelbild: Matthias Vogel
