Yella Mihalyi gondelt quer durch Deutschland, um ihren Chemnitzer FC in Hohen Neuendorf die ersten drei Regionalliga-Punkte zu bescheren. Nicht nur ihr herrliches Siegtor macht sie dabei zur Rasenperle der Woche.
Eigentlich ist Yella Mihalyi gerade ziemlich weit weg vom Chemnitzer FC. Sie lebt in Gelsenkirchen, absolviert ein Praktikum beim FC Schalke 04 und kümmert sich dort um Social Media für die Bundesliga-Mannschaft. Mit ihren Mitspielerinnen in Chemnitz hatte sie seit Wochen nicht mehr trainiert.
Bei Anruf: Zugfahrt!
Und dann rief Trainer Swen Wolf an. Ob sie am Sonntag in Hohen Neuendorf dabei sein könne? Mihalyi konnte. Also stieg sie in den Zug, fuhr fünf bis sechs Stunden quer durch Deutschland – und stand wenig später beim Regionalliga-Auftakt des CFC auf dem Platz.

In der 57. Minute bekam die Geschichte ihre Pointe. Rund 20 Meter vor dem Tor kam Mihalyi zentral an den Ball. „Viel Zeit war nicht“, erinnert sich die 21-Jährige. Brauchte sie auch nicht. Ein kurzer Blick, ein satter Schuss mit links – rechts schlug der Ball ein. 1:0. Das erste Regionalliga-Tor des Chemnitzer FC nach dem Aufstieg, zugleich der Treffer zum ersten Dreier.
Überraschende Lösungen auch unter Druck
Wer Mihalyi in Hohen Neuendorf nur auf diese Szene reduziert, verpasst allerdings einen wesentlichen Teil ihrer Leistung. Wolf hatte das Umschaltspiel als einen Schlüssel zum Chemnitzer Erfolg ausgemacht. Und sobald der CFC nach einem Ballgewinn Fahrt aufnahm, war die Nummer 8 auffallend oft beteiligt. Mihalyi kann mit Ball enorm beschleunigen und behält trotzdem den Kopf oben. Sie weiß, wann sie selbst weiterzieht und wann der nächste Pass gefragt ist.

Wolf und Co-Trainerin Madeleine Günl nennen ihre technische Qualität, ihre Spielintelligenz und die Ruhe am Ball. Sie habe ein ausgeprägtes Gespür für Räume und finde auch unter Druck Lösungen, die nicht unbedingt auf der Hand liegen.
Das passt zu Mihalyis eigenem Blick auf ihr Spiel. Sie will mit dem Ball nach vorne, sucht das Risiko und probiert Dinge aus. „Ich mache gerne Sachen, die nicht jeder macht“, sagt sie. Ein bisschen Flair müsse dabei sein.

Vielleicht kommt ihr deshalb sogar die Regionalliga entgegen. In der Sachsenliga sei manches langsamer gewesen. Manchmal, sagt sie, habe sie fast zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Mihalyi ist am stärksten, wenn ihre Automatismen übernehmen – so wie in Minute 57.
Dass diese Automatismen ziemlich tief sitzen, überrascht bei ihrer Fußballgeschichte kaum. Angefangen hat alles im Kindergarten. Mihalyi schaute den Jungs beim Kicken zu, spielte irgendwann mit und wurde von einem Freund zum FV Blau-Weiß Röhrsdorf mitgenommen. Mit elf oder zwölf Jahren folgte RB Leipzig. Gleichzeitig spielte sie in Chemnitz noch bei den Jungs des VfB Fortuna Chemnitz.

Fußball bestimmte damals ihren Alltag. Sechs- bis siebenmal pro Woche stand sie auf dem Platz, ihre Eltern fuhren sie drei- oder viermal wöchentlich zwischen Chemnitz und dem Nachwuchsleistungszentrum in Leipzig hin und her. „Dazu noch mit Fortuna in der Talenteliga. Das war schon ganz schön viel“, sagt sie heute.
Mit 16 zog sie nach Leipzig, spielte später für RB II in der Regionalliga und bewegte sich immer näher an die erste Mannschaft heran. Bei internen Vergleichen war sie dabei, der Weg nach oben schien offen. Nur fühlte er sich irgendwann nicht mehr richtig an.

Mihalyi merkte, dass ihr etwas abhandenkam, ohne das sie nicht ihre beste Version sein kann. „Ich bin eigentlich nur gut, wenn ich auch Spaß am Fußball habe.“
2023 wechselte sie zum Chemnitzer FC. Statt den nächsten Schritt Richtung Profifußball zu erzwingen, ging sie zurück in die Sachsenliga. Natürlich fragt sie sich manchmal, was gewesen wäre, wenn. Frühere Weggefährtinnen haben inzwischen ihr Debüt in der ersten Mannschaft gegeben. Ihre Entscheidung bereut Mihalyi trotzdem nicht. Denn in Chemnitz kam die Lust am Fußball zurück.

Dass das so ist, verbindet sie eng mit Swen Wolf. Bei ihm stimme die menschliche Seite genauso wie die fachliche, sagt Mihalyi. Beim CFC werde nicht nur darauf geschaut, was eine Spielerin auf dem Platz leistet. Ausbildung, Beruf und das Leben neben dem Fußball gehören dazu.
Ihr derzeitiges Praktikum auf Schalke ist dafür das beste Beispiel. Ganz ohne Fußball hält Mihalyi es allerdings auch in Gelsenkirchen nicht aus. Trainiert wird dort bei den zweiten Frauen des FC Schalke 04. So bleibt sie fit, auch wenn sie in Chemnitz momentan nur sporadisch auftauchen kann. Bis Oktober wird von Woche zu Woche entschieden, wann es passt. Das nächste Heimspiel soll wieder dazugehören.

Dass Mihalyi überhaupt noch das CFC-Trikot trägt, war ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Angebote anderer Vereine gab es auch während ihrer Zeit in Chemnitz. Sie lehnte ab. Wenn sie aufsteigen würde, dann mit dieser Mannschaft.
Und sie steuerte ihren Teil dazu bei: 14 Tore in der vergangenen Sachsenliga-Saison, dazu das entscheidende 2:1 im Hinspiel der Aufstiegsrunde gegen den Berliner Meister SFC Stern 1900. Nach dem 0:0 im Rückspiel war der Regionalliga-Aufstieg perfekt – nach vier Jahren, in denen Chemnitz immer wieder darauf hingearbeitet hatte.
Mihalyi: Schwierige Phasen werden kommen
Nun beginnt die nächste Aufgabe. Mihalyi macht sich nichts vor. Die Unterschiede innerhalb der Regionalliga seien groß, schwierige Phasen würden kommen. Gerade deshalb müsse der Aufsteiger unbedingt gegen Mannschaften alles auf dem Platz lassen und punkten, die ebenfalls eher in der unteren Tabellenhälfte erwartet werden, so wie Hohen Neuendorf. Und wenn es einmal nicht läuft, dürfe die Mannschaft nicht von ihrem Weg abkommen. „Dann müssen wir zusammenstehen, Charakter und Stärke zeigen und unserem Stil treu bleiben“, sagt sie.
Der Profifußball spielt in Mihalyis eigenen Plänen dagegen keine große Rolle mehr. Diese Entscheidung hat sie längst getroffen. Vielleicht ist ihre Geschichte gerade deshalb so interessant. Jahrelang schien alles darauf hinauszulaufen, möglichst weit nach oben zu kommen. Heute arbeitet sie bei einem Bundesligisten, wohnt mehr als 400 Kilometer von ihrer Mannschaft entfernt – und setzt sich für ein Regionalliga-Spiel stundenlang in den Zug.
Nicht weil sie muss. Sondern weil sie wieder richtig Lust auf Fußball hat. In Hohen Neuendorf konnte man ziemlich gut sehen, was dabei herauskommt.
Fotos: Chemnitzer FC
