Die Borussia setzt weiter auf junge Spielerinnen und Zusammenhalt. Trainerin Josefine Ruß peilt einen Platz im ersten Tabellendrittel an – aber nicht um jeden Preis.
Platz vier trotz einer Saison mit ungewöhnlich vielen Verletzungen: Borussia Pankow hat sich in der Spitzengruppe der Berlin-Liga festgesetzt. Viel verändern will Josefine Ruß deshalb gar nicht. Der Kader bleibt weitgehend zusammen, junge Spielerinnen sollen mehr Verantwortung bekommen. Und bei allem Ehrgeiz soll Pankow vor allem Pankow bleiben.

Teamcheck
Mehr als Platz vier war für Borussia Pankow in der vergangenen Saison am Ende kaum noch drin. Ungewöhnlich viele Verletzungen begleiteten die Mannschaft, im letzten Saisonspiel gegen Stern 1900 musste sie sogar 35 Minuten in Unterzahl bestreiten. Dazu fehlte bisweilen das Spielglück. „Solche Spiele darfst du nicht verlieren“, sagt Ruß etwa mit Blick auf die Partie gegen Hansa 07. Vorwürfe macht sie ihrer Mannschaft trotzdem nicht. Die habe auch in schwierigen Phasen immer versucht, das Beste herauszuholen.

Entsprechend wenig Anlass gibt es für einen großen Umbau. Trotz einiger Anfragen ist der Kader weitgehend zusammengeblieben. Antonia Wicke verbringt ein Jahr im Ausland, Adelheid Bleeker kehrt in ihre niederländische Heimat zurück. Charlotte Lemke legt eine Pause ein, würde aber aushelfen, wenn es personell eng wird.
Mit Jane Coates vom SC Charlottenburg gibt es einen externen Neuzugang. Emma Lehberger war bereits in der Rückrunde größtenteils dabei und gehört nun fest zum Kader. Dazu sollen drei Talente aus dem eigenen Nachwuchs Schritt für Schritt an die Berlin-Liga herangeführt werden. Drei weitere Spielerinnen waren im Probetraining – darunter eine sehr vielversprechende Schwedin. Spruchreif ist noch nichts.

Die Richtung ist damit klar, zumal nach den ersten beiden Spieltagen lediglich ein Punkt zu Buche steht und Ruß bereits von einem „sportlichen Fehlstart“ spricht: Pankow will weiter verjüngen und jungen Spielerinnen zunehmend Verantwortung übertragen. Die gute Nachwuchsarbeit im Verein liefert dafür die Grundlage.
Ruß weiß allerdings, dass dieser Weg Zeit braucht. Gleichzeitig soll ihre Mannschaft taktisch variabler werden und gegen unterschiedliche Gegner mehr Lösungen finden. Das Spiel gegen Viktorias damalige U20 habe gezeigt, dass Pankow Partien auch auf andere Weise gewinnen könne.
Das Ziel ist trotzdem ambitioniert: Mindestens Fünfter möchte Borussia wieder werden.
Stern 1900 sieht Ruß als Favoriten Nummer eins. Auch Berolina Mitte erwartet sie weit oben. Friedrichshagen hat sich deutlich verstärkt, muss aus den vielen Neuen allerdings erst eine Mannschaft formen. Bei Viktorias U23 wiederum wird sich zeigen, wie die namhaften Abgänge aufgefangen werden.

„Wir selbst haben Ziele und Ambitionen, vergessen aber nicht die Menschen hinter dem Erfolg“, legt Ruß fest. Entwicklung, Spaß und Zusammenhalt sollen nicht dem Ergebnis untergeordnet werden. Ruß weiß, dass man diesen Ansatz weniger professionell nennen kann. Sie nimmt das bewusst in Kauf. Vielleicht, sagt sie selbst, spiele Pankow deshalb momentan „nur“ Berlin-Liga. Langfristig ist sie trotzdem überzeugt, dass mehr möglich ist – wenn die jungen Spielerinnen den nächsten Schritt machen und Pankow dabei seine Philosophie nicht verliert.
Perlentaucherin
Eigentlich war das alles gar nicht geplant. Josefine Ruß spielte seit 2008 für Borussia Pankow. Als sie 2018 Mutter wurde, hörte sie als Spielerin auf, blieb der Mannschaft aber eng verbunden.

Schon zuvor hatte sie erste Erfahrungen an der Seitenlinie gesammelt. Als es im Oktober 2018 zwischen Mannschaft und damaligem Trainerteam zu Differenzen kam, legte Sebastian Soika sein Amt nieder. Noch am selben Tag fragten Spielerinnen Ruß, ob sie erst einmal übernehmen könne.
Die Interimslösung hat sich verstetigt
Sie konnte. Und Pankow gewann plötzlich ein Spiel nach dem anderen. „Der Spirit war so groß, dass ich kein Ende fand“, erinnert sie sich. Auch der Verein änderte seine ursprünglichen Pläne und schenkte ihr das Vertrauen. Aus einer Interimslösung sind inzwischen acht Jahre geworden.

Ihre Fußballidee bringt Ruß auf drei Begriffe: Leidenschaft, Wille, Zusammenhalt. Dabei versteht sie ihre Aufgabe nicht nur sportlich. Sie will wissen, was ihre Spielerinnen beschäftigt, und gerade jungen Spielerinnen Sicherheit geben. Fehler gehören für sie zur Entwicklung dazu.
„Man kann Fehler machen – nur daraus lernst du.“
Ruß weiß selbst, dass ihr persönlicher Umgang manchmal Kraft kostet und vielleicht nicht jedem klassischen Verständnis von Professionalität entspricht. Erfolg allein reicht ihr aber nicht. Sie will eine Mannschaft, in der Spielerinnen füreinander einstehen und sich gegenseitig helfen. Für diese Saison hat sie deshalb zwei ziemlich einfache Wünsche: weniger Verletzungen – und ein Team, das füreinander da ist.
Einen Wunsch richtet sie außerdem über die eigene Mannschaft hinaus. Ruß würde sich mehr Respekt im Umgang der Trainerinnen und Trainer untereinander wünschen. „Manchmal ist da schon einiges sehr grenzwertig.“


Rasenperlen-Einordnung
Pankow macht in diesem Sommer etwas, das angesichts der Aufrüstung einiger Konkurrenten durchaus mutig ist: erstaunlich wenig. Der Kern des Viertplatzierten bleibt zusammen, ergänzt wird vor allem über den eigenen Nachwuchs. Das ist konsequent – und ein Risiko. Denn schon in der vergangenen Saison zeigte sich, wie schnell ein Kader an seine Grenzen kommen kann, wenn mehrere Spielerinnen gleichzeitig ausfallen.

Sportlich ist das Ziel, mindestens Platz fünf zu holen, trotzdem realistisch. Die Mannschaft kennt sich, die jungen Spielerinnen bringen Qualität mit und Ruß hat über Jahre eine klare Identität geschaffen.
Für den nächsten Schritt wird aber mehr nötig sein als Zusammenhalt. Pankow will und muss taktisch variabler werden, die Talente müssen schnell Verantwortung übernehmen – und etablierte Leistungsträgerinnen möglichst gesund bleiben.

Gerade deshalb dürfte Emma Lehberger eine der spannendsten Personalien der Saison werden. Eine 15-Jährige sollte eine Mannschaft nicht tragen müssen. Wenn sie sich aber so entwickelt, wie Ruß es erwartet, könnte sie Pankow zusätzliche Möglichkeiten geben.

Und dann wird interessant, ob sich ein vermeintlicher Gegensatz tatsächlich auflösen lässt: sportlich erfolgreich zu sein, ohne dafür das aufzugeben, was den Verein und diese Mannschaft ausmacht.
Fotos: Matthias Vogel
