Zwei Tore, viel Laufarbeit und ein Gespür für freie Räume: Katarina Gordienko gab Berolina Mitte beim 3:2 (1:1) in Pankow den entscheidenden Impuls. Unsere Rasenperle der Woche spielt erst seit vier Jahren im Verein – und hat noch einiges vor.
Die Musik setzt ein, Katarina Gordienko trifft jeden Beat, vor der Bühne jubelt das Publikum. Eine Streetdance-Tänzerin, die alle mitreißt. Hat sich das so zugetragen? Nein. Aber einen anderen Weg als den Fußball hätten sich ihre Eltern – laut ihren Angaben „ein bisschen konservativer“ – durchaus vorstellen können. Wie ihre beiden Cousinen probierte Gordienko Streetdance gerne aus. Das machte ihr auch Spaß. So richtig gebrannt hat sie allerdings nur für den Ball.

Gut für Berolina Mitte. Denn am vergangenen Sonntag brauchte Bero bei Borussia Pankow jemanden, der im richtigen Moment den richtigen Schritt machte. Pankow war nach der ersten Hälfte beim Stand von 1:1 schwungvoll aus der Kabine gekommen, als Gordienko mit zwei Toren eine Partie entschied, deren Ausgang bis dahin völlig offen war.

In der 55. Minute gelangte eine Hereingabe von Hedwig von Borany zum zweiten Pfosten. Gordienko nahm den Ball an, schlug einen Haken nach innen und traf mit links zum 2:1. Der Haken war nötig, erklärt sie: Einen Rechtsschuss hätte ihre Gegenspielerin wohl geblockt. Beim 3:1 in der 69. Minute steckte Maiken Ueberschär den Ball in die halblinke Spur durch. Wieder schloss Gordienko mit links ab. Von innen kamen zwei Pankowerinnen angerauscht; für eine andere Lösung blieb aus ihrer Sicht kein Platz.



Zwei Tore mit dem eigentlich weniger starken Fuß. Beidfüßigkeit zählt die 24-Jährige zu ihren Stärken, rechts ist dennoch ihre bevorzugte Seite. „Hat man ja gesehen, dass das mit dem Linken auch ganz gut klappt“, sagt sie. Die Treffer bedeuteten für sie vor allem „pure Erleichterung“. Wie wichtig sie waren, zeigte sich anschließend: Bero ließ weitere klare Chancen liegen, Pankow verkürzte auf 2:3.

Trainer Frank Krug begeisterten allerdings nicht nur die Tore. Gordienko lief viel, arbeitete gegen den Ball und setzte seinen Pausenhinweis um: nicht ausschließlich die Breite halten, auch ins Zentrum rücken. Dazu schätzt er ihren Instinktfußball, ihr Gespür für Räume und den Mut, sie zu bespielen.

Diesen Instinkt entwickelte sie auf dem Bolzplatz. Mit fünf Jahren kickte sie mit ihrem Vater und ihrem älteren Bruder, später vor allem mit Jungs. Der Ball musste überall mit, auch in den Urlaub. Ihre Mutter hoffte gelegentlich, er könnte einmal zu Hause bleiben. Vergeblich. Im Fernsehen nahm Gordienko am liebsten bei den Bayern, Barça, Real und der brasilianischen Seleção Anschauungsunterricht, kannte alle Aufstellungen, Trainer und Ergebnisse. Fußball war allgegenwärtig.

In einen Verein ging die Ahrensfelderin trotzdem erst 2022, mit 20. Sie googelte, fand den FFC Berlin 2004, absolvierte ein Probetraining und blieb anderthalb Spielzeiten. Dann wollte sie mehr. Bei Türkiyemspor bekam sie zunächst viel Spielzeit in der Berlin-Liga und traf regelmäßig.

Doch vor allem im vergangenen Winter verlor Türkiyemspors Regionalligateam zahlreiche Spielerinnen; im Sommer setzte sich der Aderlass fort. Die Lücken mussten Spielerinnen aus der zweiten Mannschaft schließen, darunter Gordienko. So sammelte sie ihre ersten Regionalligaeinsätze – unter zunehmend schwierigen Bedingungen. Mitunter standen nur sieben oder acht Spielerinnen im Training. Der personelle Engpass machte eine kontinuierliche Arbeit und die Partien am Wochenende schwer, der Spaß ging ihr verloren. „Das hat sich nicht mehr gut angefühlt“, sagt sie.

Der Abschied fiel ihr dennoch schwer, weil sie sich im Verein wohlgefühlt hatte. Seit Saisonbeginn spielt sie für Bero. Dort passt es – und dort will sie den Aufstieg schaffen. Ein schwieriges Ziel, das weiß sie. Eine persönliche Grenze sieht sie darin aber noch lange nicht. Und sie arbeitet hart dafür. „Wir bekommen Einzeltraining bei Bero angeboten. Und wann immer es meine Arbeit in der Schulsozialarbeit erlaubt, nutze ich das“, sagt Beros Flügelspielerin mit der Nummer 19.

Auch taktisch hat sie dazugelernt. Im Verein, gerade bei Türkiyemspor, war es zunächst eine große Umstellung, sich nach den Jahren auf dem Bolzplatz an Vorgaben zu halten und sie umzusetzen. Heute traut sie sich zu, Spiele zu lesen und freie Räume gezielt anzulaufen, entscheidet wie selbstverständlich, wann sie ins Dribbling geht oder abspielt. Dazu kommt ihre Überzeugung: Wenn alle eine Partie unbedingt gewinnen wollen – Mitspielerinnen, Ersatzbank und Trainerteam –, lässt sich auch ein 0:3 noch drehen. Mit dieser Haltung geht sie aufs Feld.

Besondere Fußballabenteuer hat sie bereits gesammelt: das Flutlichtspiel mit dem FFC gegen Viktorias erste Frauen. „Das Spiel ging nur knapp verloren, die Atmosphäre war großartig. Viki hatte Trommler dabei. Ich habe mich gefühlt wie ein Profi“, erinnert sie sich. Und dann war da noch Beros DFB-Pokalreise zum ATS Buntentor nach Bremen. Trotz 0:3-Niederlage in der Qualifikationsrunde blieb dieses Pokalgefühl ihr bisheriges Highlight.

Gordienko hat noch nicht genug. Aber was ist mit ihren Eltern? „Ich glaube, sie haben die Hoffnung, mich für etwas anderes zu begeistern, inzwischen aufgegeben“, sagt sie und lacht. Den nächsten Schritt plant sie ohnehin längst. Mit Bero, auf dem Fußballplatz.
Titelbild (Matthias Vogel): Katarina Gordienko verlädt Pankows Lucie Ruß.
