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Ein bisschen Alina Gnadke für ganz viel Struktur

Neuköllns Joker kommt natürlich von der Bank, streng genommen aber eher von der Couch. Ihre Einwechslung der verwandelt dennoch das ganze Spiel und bringt die Wende zugunsten von Grün-Weiss – und das macht sie zur Rasenperle der Woche.

Es ist eine dieser Geschichten, die der Fußball so gerne schreibt. Eine frühere Spielerin wird aus Personalnot gebeten, bitte noch einmal die Kickschuhe zu schnüren – man kennt es. Der Dienstweg zu einem derartigen Blitz-Vertrag vor dem Spiel der Woche am vergangenen Sonntag zwischen dem SV Askania Coepenick gegen den BSV Grün-Weiß Neukölln war dabei extrem kurz. Neuköllns Trainer Helge Kapheim rüttelte einfach an der Couch seiner Tochter Alina. Lange Jahre war sie nicht nur Leistungsträgerin der Mannschaft, sondern auch Albtraum der gegnerischen Mannschaften. Eine, die das Spiel lenkt, ungemein lauf- und zweikampfstark ist, Spiele lesen kann und nie wirklich zu greifen ist.

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Schon zu Corona-Zeiten rückten ihr Partner und das Studium mehr in ihren Fokus, allerdings zögerte sie zunächst noch, aufzuhören, ihre langjährigen Teamkolleginnen „hängenzulassen“, wie sie es nennt. Aber 2022 war es doch soweit. Im Zuge einer Bänderverletzung hängte sie ihre Fußballschuhe an den Nagel, die Prioritäten hatten sich endgültig verschoben: Hausbau, Hochzeit, Nachwuchs.

Lange rütteln musste der Coach nun trotzdem nicht. „Ich mache das dann wirklich immer gerne. Und gerade, weil es mein Papa ist, gibt es da gar keine Debatte“, sagt Gnadke und siehe da: Alina heißt jetzt zwar Gnadke, aber in ihr steckt noch immer jede Menge Kapheim. Mit ihrer Einwechslung in der 24. Minute für die verletzte Abwehrchefin Romina Schmalbein bekam das Neuköllner Spiel sofort eine ganz andere Dynamik, eine völlig neue Struktur. Halt! Sofort stimmt nicht ganz, ein wenig Anlaufzeit brauchte sie schon.

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Genauer gesagt dauerte es bis nach der Pause, bis die Fahrt wild wurde. „Ich war schon auch nervös. Mit allen habe ich noch nicht zusammengespielt, dazu war Askania als ich reinkam gerade richtig stark unterwegs und Romina musste vom Feld. Und man weiß ja dann auch nicht, ob man die Erwartungen erfüllen kann“, erklärt sie ihre Aufwärmrunde.

Gnadke scheicht sich auf den zweiten Pfosten – und wird prompt bedient

Die dann auch mit Wiederanpfiff vorbei war. Zwei Minuten später nämlich schlich sie sich bei einem Freistoß von der linken Seite Höhe Grundlinie auf den zweiten Pfosten und köpfte den Ausgleich. Fortan war sie an nahezu jeder Offensivaktion beteiligt. Streng genommen gab es vor ihrer Hereinnahme auch kaum eine. Jetzt immer wieder, ob aus dem Spiel heraus oder als erzwungener Standard. Kurz vor Schluss gab es den Lohn: Gnadke erkannte die Situation bei einem Einwurf auf der linken Seite in Strafraum-Nähe am schnellsten, bediente flugs Laura Waibel und die beförderte den Ball ins Zentrum, wo Zuzanna Mroczko den Siegtreffer erzielte.

Einen hatte Gnadke danach noch im Gepäck: Etwas aus der Drehung schlug sie aus dem Halbfeld einen rasiermesserscharfen Pass auf Mroczko an der Strafraumkante. Ein unglaubliches Zuspiel, Gnadke muss zuvor die Position ihrer Mitspielerin gescannt haben. Die schob den Ball neben das Tor, vielleicht war sie erschrocken, so einen Service erhielt sie in dieser Spielzeit sicher nicht oft. Dann war die Partie aber auch schon aus und die Freude groß.

Hauptsache, es macht Spaß: Gnadke wechselte nie den Verein

Mit vier Jahren begann Alina Gnadke mit dem Fußball. Kein Wunder, die ganze Familie ist fußball- und sportbegeistert. „Wir waren damals drei bis vier Mädels, die bei den Neuköllner Jungs mittrainierten, erinnert sie sich. Später durchlief sie dann die Mädchenmannschaften und landete bei den Frauen – alles immer beim BSV Grün-Weiß Neukölln. Daran änderten auch die vielen Spiele in den Berliner Auswahlen nichts, genauso wenig, wie Anfragen anderer Vereine.

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Highlight für Alina Gnadke und Neukölln im September 2020: im DFB-Pokal gegen den SV Meppen.

Dass sie jetzt recht schnell wieder ins Neuköllner Spiel fand, hat auch damit etwas zu tun. Einige Weggefährtinnen sind ja immer noch am Ball. „Und wenn Laura Waibel rechts oder Nele Becker links rufen, weiß ich schon, wie die laufen und wo der Ball hinmuss“, sagt sie. Woher ihre Fitness hingegen kommt, weiß sie nicht so recht. „Eigentlich wollte ich schon regelmäßig etwas tun, nachdem ich aufgehört hatte. Aber daraus ist irgendwie nichts geworden“, sagt sie und lacht. Mit dieser Information muss man sich Zuschauer des Spiels am Sonntag zwangsweise denken: Was geht erst ab, wenn sie trainiert? Jedenfalls, so die 28-Jährige weiter, gehe im Spiel ja immer viel über Motivation.

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Ab und zu hadert sie mit sich, ob sie wieder anfangen soll oder nicht. Gerade nach so einem Einsatz, der ihr großen Spaß gemacht hat. „Es sprechen mir auch immer alle gut zu, sogar mein Mann, der selber spielt, würde für mich kürzertreten. Und die Mädels sind super super lieb und nehmen mich auch immer super super auf. Aber dann denke ich mir wieder: Es ist gut so wie es ist.“

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Berlin-Liga, Mitte Februar 2020.

Zudem sei es „absolut nicht selbstverständlich“, dass eine Mannschaft immer damit fein ist, wenn jemand ohne Training kommt und gleich spielt. Ist es also ausgeschlossen, dass man sie mal nochmal für Neukölln brillieren sieht? „Nein, das nicht“, sagt sie. „Ich würde im Notfall wieder aushelfen.“ Genau das wollte rasenperlen.de hören. Genau das hat nämlich Spaß gemacht und genau das verspricht Stoff für eine weitere Geschichte, die der Fußball so gerne schreibt.