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„Talent öffnet die Türen. Fleiß hält sie offen“

Ailien Poese über ihren Abschied von der Trainerbank, die Förderung junger Spielerinnen und die Zukunft des Berliner Frauenfußballs.

Mit Ailien Poese gelang den Frauen des 1. FC Union Berlin der Durchmarsch in die Bundesliga. Viele hätten erwartet, dass sie den erfolgreichen Weg als Cheftrainerin fortsetzt. Stattdessen entschied sich die 42-Jährige bewusst für einen anderen: Seit Sommer leitet sie das DFB-zertifizierte Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) weiblich der Köpenicker. Im Gespräch mit rasenperlen.de erklärt sie, warum sie diesen Schritt keine Sekunde bereut, weshalb Talent allein nicht reicht und was eine gute Nachwuchsausbildung heute ausmacht.

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Rasenperlen: Ailien, du hast dich bewusst für den Wechsel ins DFB-zertifizierte Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) weiblich von Union entschieden. Warum?

Ailien Poese: „Zunächst einmal bin ich dem Verein unglaublich dankbar, dass ich die Frauen bis in die Bundesliga begleiten durfte. Und genauso dankbar bin ich dafür, dass ich diese Entscheidung selbst treffen konnte. Das ist im Profifußball alles andere als selbstverständlich.

Die Talentförderung war immer mein großes Thema. Ich habe viele Jahre in diesem Bereich gearbeitet und schon immer für die Entwicklung junger Spielerinnen gebrannt. Der Aufbau der Profimannschaft hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Jetzt kann ich meine Erfahrungen aus dieser Zeit in meine neue Aufgabe einbringen.

Ich möchte keine Sekunde als Cheftrainerin missen. Wir haben überragende Fans bei Union. Was sie in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt haben, war außergewöhnlich. Gerade mein letztes Spiel mit der Choreografie war unglaublich bewegend. Dazu der Verein, der den Weg mit dem Schaffen von super Rahmenbedingungen überhaupt ermöglicht hat. Natürlich war da auch ein weinendes Auge dabei. Aber ich freue mich jetzt genauso auf das, was vor mir liegt.“

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Was reizt dich an deiner neuen Aufgabe besonders?

„Sie ist unglaublich facettenreich. Natürlich geht es um Fußball. Aber genauso geht es darum, Trainerinnen und Trainer weiterzuentwickeln, Spielerinnen auf ihrem Weg zu begleiten, mit Eltern im Austausch zu sein oder gemeinsam zu überlegen, was wir noch verbessern können, um die sportlichen Bedingungen immer wieder auf ein höheres Niveau zu heben.

Mich reizt genau diese Vielfalt. Wir wollen die Spielerinnen ganzheitlich begleiten. Dazu gehört die sportliche Entwicklung genauso wie die schulische oder persönliche. Auch die psychologische Begleitung spielt dabei eine wichtige Rolle. Dabei müssen die Mädels lernen, dass ihre Begabung alleine nur in den seltensten Fällen für den Profibereich reicht. Ich sage den Spielerinnen immer: ‚Talent öffnet die Türen. Fleiß hält sie offen.‘“

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Mit der DFB-Zertifizierung des Nachwuchsleistungszentrums hat Union einen weiteren wichtigen Schritt gemacht. Was bedeutet das konkret?

„Gut ausgebildet wird bei Union schon ganz lange. Für uns ist das jetzt einfach ein weiterer Schritt in Richtung Professionalisierung. Wir haben inzwischen hauptamtliche Trainerstellen geschaffen. Solche Strukturen sind im Frauenfußball noch längst nicht selbstverständlich. Hinzu kommen Förderverträge für Nachwuchsspielerinnen und Vertragsspielerinnen in der U23. All das zeigt, wie sich der Frauenfußball in den vergangenen Jahren entwickelt hat.“

Welche Ziele verfolgt das Nachwuchsleistungszentrum?

„Natürlich wünschen wir uns, dass möglichst viele Spielerinnen irgendwann den Sprung in unsere Bundesligamannschaft schaffen. Wir haben unser Ziel erreicht, wenn eine Spielerin aus unserem Nachwuchsleistungszentrum irgendwann an der Alten Försterei für Union aufläuft. Das wäre überragend.

Gleichzeitig wäre es falsch, Erfolg nur daran zu messen. Der Sprung in den Profifußball ist enorm. Deshalb möchten wir Spielerinnen so ausbilden, dass sie sich langfristig in den ersten drei Ligen etablieren können.

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Welche Rolle spielt die U23 (Regionalliga Nordost, d. Red.) auf diesem Weg?

„Eine ganz entscheidende. Der Sprung vom Nachwuchs- in den Profifußball ist enorm. Genau deshalb brauchen wir diese Mannschaft. Vor einem dreiviertel Jahr standen manche junge Spielerinnen noch am Spielfeldrand und haben unsere Bundesligamannschaft angefeuert. Wenig später trainieren sie plötzlich mit genau diesen Spielerinnen zusammen. Das zeigt, wie groß dieser Schritt ist.

Deshalb ist uns die Verzahnung so wichtig. Zuletzt waren Spielerinnen aus der U23 mit im Trainingslager der Bundesliga-Mannschaft. Dort erleben sie hautnah, was Profifußball bedeutet.

Gleichzeitig tauschen wir Trainerinnen uns ständig aus. Ist eine Spielerin schon bereit? Oder braucht sie noch Zeit? Vielleicht hilft ihr zunächst eine Leihe nach Österreich oder in die Schweiz, um regelmäßig Spielpraxis zu sammeln. Solche Möglichkeiten gab es im Frauenfußball früher kaum. Heute gehören sie einfach zu einer guten Entwicklung dazu. Am Ende geht es darum, für jede Spielerin den richtigen Weg zu finden.“

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Was macht das NLZ in Köpenick bezüglich der Professionalisierung des Frauenfußballs?

„Professionalisierung zeigt sich nicht nur auf dem Papier, sondern jeden Tag in der täglichen Arbeit. Unser Trainingszentrum ist dafür ein gutes Beispiel. Die verschiedenen Bereiche des Frauen-, Mädchen- und Männerfußballs arbeiten dort eng zusammen. Die Wege sind kurz, man tauscht sich aus und profitiert voneinander.

Allen ist es wichtig, Fußball als Fußball zu betrachten und nicht als geschlechterspezifisch zu unterscheidende Sportart. Genau das leben wir dort. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam den Fußball weiterentwickeln und für unsere Spielerinnen die bestmöglichen Bedingungen schaffen.“

Du warst viele Jahre Verbandssportlehrerin beim Berliner Fußball-Verband. Wie bewertest du die Entwicklung des Berliner Frauenfußballs?

„Überragend. Wenn ich die Situation heute mit der von vor einigen Jahren vergleiche, liegen da Welten dazwischen. Damals gab es in Berlin keinen Verein, der talentierten Spielerinnen dauerhaft den Weg in den Profifußball ermöglichen konnte. Wir mussten Spielerinnen Vereine außerhalb Berlins empfehlen, damit sie den nächsten Schritt machen konnten.

Heute haben wir mit Union Berlin einen Bundesligisten sowie mit Viktoria Berlin und nun auch Hertha BSC zwei Zweitligisten. Dadurch haben junge Spielerinnen ganz andere Perspektiven. Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass Berlin einmal ein so starker Standort für den Frauenfußball werden würde.“

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Wie beurteilst du das Zusammenspiel zwischen diesen großen und den kleinen Vereinen in Berlin?

“Wir haben eine tolle Vereinslandschaft. In den kleineren und kleinen Vereinen werden heute auch immer mehr Mädchen für den Fußball begeistert. Es ist selbstverständlich geworden, dass Mädchen so lange es geht in Jungenmannschaften mitspielen, aber auch die Angebote in Mädchenmannschaften erhöhen sich. Diese Vereine liefern die Basis, dort beginnt die Entwicklung der Mädchen. Ohne diese Vereine würde das gesamte System nicht funktionieren.

Natürlich wechseln talentierte Spielerinnen irgendwann zu Vereinen, die ihnen den nächsten Schritt ermöglichen können. Und deren Job ist es dann, sie bestmöglich auszubilden. Für mich ein normaler Weg und am Ende profitieren davon alle.

Außerdem haben Union, Hertha und Viktoria neue Vorbilder geschaffen. Früher hast du in der Alten Försterei vor allem Kinder mit Fan-Trikots der Männer gesehen. Heute laufen dort auch Mädchen und Jungen mit Trikots des Bundesliga-Frauenteams herum. Das zeigt, was sich verändert hat. Mädchen haben heute Spielerinnen, mit denen sie sich identifizieren können. Genau das ist unglaublich wichtig und sorgt dafür, dass sich noch mehr Mädchen für den Fußball begeistern.“

Wo siehst du aktuell den größten Nachholbedarf im deutschen Frauenfußball?

“Gerade im Athletikbereich müssen wir Mädchen noch gezielter fördern. Wir können ihnen nicht einfach Trainingskonzepte aus dem Jungenbereich eins zu eins überstülpen. Mädchen haben andere Voraussetzungen und andere Bedürfnisse. Themen wie Stabilität oder die Prävention von Kreuzbandverletzungen müssen deshalb viel stärker in den Fokus rücken.

Außerdem wünsche ich mir, dass wir wieder mehr an den Grundlagen arbeiten. Wenn ich spanische U15- oder U17-Mannschaften beobachte, beeindruckt mich immer wieder ihre Orientierung auf dem Platz. Die Spielerinnen wissen ständig, was um sie herum passiert, auch weil sie technisch so gut ausgebildet sind. Sie müssen sich weniger auf den Ball am Fuß konzentrieren. Da können wir uns noch weiterentwickeln.“

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Was braucht der Frauenfußball darüber hinaus, um weiter nach vorne zu kommen?

„Wir brauchen in Deutschland zwei echte Profiligen. Es muss das Ziel sein, dass Spielerinnen in der ersten und zweiten Liga ihren Sport hauptberuflich ausüben können und nicht zusätzlich arbeiten müssen.

Außerdem brauchen wir insgesamt mehr Quantität an Qualität. Im Moment sehen wir beispielsweise bei vielen Zweitligamannschaften noch große Leistungsunterschiede innerhalb des eigenen Kaders. Manche Spielerinnen sind daher im Training unterfordert, andere überfordert.

Aber unsere Nationalmannschaften – ob die der Frauen oder Männer – sind ja nicht schlecht. Wir sollten nur den Anspruch haben, uns ständig weiterzuentwickeln.“

Wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen – wie sieht der Berliner Frauenfußball dann im Idealfall aus?

„Ich wünsche mir, dass Berlin dann einen zweiten Bundesligisten und ein zweites DFB-zertifiziertes Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) weiblich hat. Konkurrenz belebt das Geschäft. Das sieht man überall. Ohne Turbine Potsdam etwas wegnehmen zu wollen: Wenn über viele Jahre nur ein Verein ganz oben ist, besteht immer die Gefahr von Stillstand. Konkurrenz sorgt dafür, dass sich alle weiterentwickeln. Außerdem wünsche ich mir unterhalb der 3. Liga weitere Vereine, die zumindest unter semiprofessionellen Bedingungen arbeiten können.

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Und was braucht es, damit diese Entwicklung gelingt?

„Vor allem den Mut, Dinge immer wieder zu hinterfragen. Fußball entwickelt sich ständig weiter. Deshalb dürfen wir nicht glauben, dass das, was gestern richtig war, auch morgen noch die beste Lösung ist.

Manchmal sagt heute jemand zu mir: ‚Aber diese Trainingsform hast du uns damals als Verbandssportlehrerin doch selbst gezeigt.‘ Dann sage ich: ‚Ja, damals fand ich sie gut. Heute würde ich sie so nicht mehr machen.‘

Ich finde, genau das gehört zu Entwicklung dazu. Man muss bereit sein, sich selbst zu hinterfragen, offen für neue Ideen zu bleiben und den Mut zu haben, Dinge zu verändern. Nur so können wir den Frauenfußball weiter voranbringen.“

Herzlichen Dank, dass du dir Zeit genommen hast.

„Sehr gerne.“


Interview: Matthias Vogel
Fotos: 1. FC Union Berlin