Jenny Löwe war auf dem Sprung in die Bundesliga, als ein Kreuzbandriss ihre Pläne durchkreuzte. Beim FSV Babelsberg 74 hat die 22-Jährige nicht nur ihre Freude am Fußball wiedergefunden. Und: Sie ist unsere Rasenperle der Woche.
Es ist Sonntag, die „Breitscheidgirlz“ kommen auf den Platz. Und Jenny Löwe übernimmt das Kommando. Vom Anpfiff an ist die 22-Jährige Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld des FSV Babelsberg 74. Sie fordert die Bälle, verteilt sie, treibt das Spiel an. Mit schnellen Drehungen löst sie sich aus engen Situationen, ein kurzer Blick genügt, schon verlagert sie das Spiel auf die andere Seite. Alles wirkt leicht, beinahe selbstverständlich. Hier ist eine Fußballerin am Werk, die ihr Handwerk von Grund auf gelernt hat.

Beim 1:1 (0:0) gegen Eintracht Leipzig-Süd zwirbelt Löwe einen Eckball an die Latte, setzt Akzente. Als die Gäste in der zweiten Halbzeit zunehmend die Kontrolle übernehmen, ist sie es, die für Entlastung sorgt. Mal mit einem klugen Pass in die Spitze, mal mit einem Distanzschuss, bei dem sich Leipzigs Torhüterin Christina Haugzinger mächtig strecken muss. Beide Trainer und rasenperlen.de sind sich am Ende einig: Jenny Löwe gehört zu den herausragenden Spielerinnen dieser Begegnung.
Der Moment, in dem eine Welt zusammenbrach
Dass sie heute mit solcher Selbstverständlichkeit die Fäden im Babelsberger Mittelfeld zieht, war allerdings lange alles andere als sicher. Löwe war zwölf, als sie an die Sportschule nach Potsdam wechselte und fortan für Turbine spielte. Sie durchlief die Nachwuchsausbildung des Traditionsvereins, arbeitete sich immer weiter nach oben. 2022 durfte sie schließlich die Vorbereitung mit der ersten Frauenmannschaft absolvieren, die damals noch in der Bundesliga spielte.

Der Traum vom Profifußball war zum Greifen nah. Doch gleich beim ersten Testspiel riss sie sich das Kreuzband. „Für mich ist damals schon eine Welt zusammengebrochen“, erzählt Löwe. „Ich habe in meinem Leben nur Fußball gespielt, war so nah dran und habe alles darauf ausgelegt.“ Es folgten Monate der Rehabilitation, ein kurzes Comeback im Winter 2023 und schließlich die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen würde. Auch private Probleme kamen hinzu. Löwe musste sich von der Vorstellung verabschieden, ihr Leben weiterhin ganz auf den Leistungssport auszurichten.
Die Angst, nicht gut genug zu sein
Was bleibt, wenn der Fußball, um den sich jahrelang alles gedreht hat, plötzlich nicht mehr das Zentrum des Lebens sein kann? Die Antwort fand sie beim FSV Babelsberg 74. Als Potsdamerin kannte sie den Verein, der damals noch in der Brandenburgliga spielte. Auch einige ehemalige Turbine-Spielerinnen waren dort gelandet. Trotzdem fiel ihr der Schritt erstaunlich schwer. „Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte ein bisschen Sorge, ob die mich brauchen können. Ich hatte dreiviertel Jahr keinen Ball am Fuß. Und ich hatte schon den Gedanken: Bin ich gut genug dafür?“

Eine bemerkenswerte Aussage für eine Spielerin, die zuvor unmittelbar vor dem Sprung in die Bundesliga gestanden hatte. Doch nach einer schweren Verletzung lässt sich Selbstvertrauen offenbar nicht einfach mit dem nächsten Paar Fußballschuhe wieder anziehen. Ihre Bedenken erwiesen sich als unbegründet. Löwe wurde herzlich aufgenommen, fand schnell Anschluss und vor allem etwas wieder, das zwischen all den sportlichen Erwartungen und Enttäuschungen verloren gegangen war: die Freude am Spiel.
Es ging ihr nicht mehr allein um Leistung, Ergebnisse oder die nächste Stufe auf der Karriereleiter. Sondern auch darum, Menschen kennenzulernen, Freundschaften zu schließen und wieder mit einem guten Gefühl auf den Fußballplatz zu gehen. „Einen besseren Verein, um mich wieder aufzupäppeln, hätte ich im Nachgang nicht finden können.“
Eine Familie voller Fußball
Dass Löwe überhaupt Fußballerin wurde, war in ihrer Familie kaum zu vermeiden. „Ich hatte gar keine andere Wahl“, sagt sie lachend. Ihr Vater besuchte ebenfalls die Potsdamer Sportschule und spielte in seiner Jugend unter anderem für den BFC Dynamo und Energie Cottbus. Ihr älterer Bruder ging ebenfalls auf die Sportschule. Und mit ihrem Zwillingsbruder stand Jenny praktisch von Kindesbeinen an gemeinsam auf dem Platz.
Selbst ihre Mutter spielte bis ins Alter von 49 Jahren Fußball. Der Ball gehörte zum Familienleben wie selbstverständlich dazu. „Aber selbst sie wäre froh gewesen, hätten mein Bruder und ich ihn manchmal beiseite gelegt“, erinnert sie sich amüsiert.

Mit fünf Jahren begann Jenny beim FSV „Glückauf“ Brieske-Senftenberg, trainiert wurde sie zunächst von ihrem Vater. Dort spielte sie gemeinsam mit den Jungs, darunter stets ihr Zwillingsbruder. Erst mit zwölf führte ihr Weg nach Potsdam zu Turbine.
Bis heute ist ihr Bruder eines ihrer großen Vorbilder. Nicht nur wegen seiner fußballerischen Fähigkeiten, sondern auch wegen seiner Einstellung und Mentalität. Er habe fußballerisch und bezüglich der Einstellung wirklich etwas draufgehabt und ihr immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden, erzählt sie. Und natürlich Lionel Messi, wie sie selbst Linksfuß. „Wie ein Mensch unter Druck Fußball so einfach aussehen lassen kann, ist einfach faszinierend.“ Was sie selbst auf dem Platz auszeichnet? Löwe muss nicht lange überlegen. Spielintelligenz, Übersicht und Schussstärke zählt sie zu ihren größten Stärken.
Langfristige Ziele? Nein danke!
Abseits des Fußballplatzes arbeitet die 22-Jährige am Empfang einer Physiotherapiepraxis. „Ich bin das freundliche Gesicht, wenn jemand reinkommt“, sagt sie und lacht. Wenn sie Zeit findet, genießt sie inzwischen auch einmal die Ruhe. Wobei Ruhe relativ ist: Neben dem Fußball bereitet sie sich auf einen Halbmarathon vor. Das trainiere schließlich auch die Ausdauer, merkt sie an.
Die kann sie in der Regionalliga Nordost gut gebrauchen. Beim Spiel gegen Leipzig-Süd spürte sie, wie intensiv die Begegnung mit zunehmender Dauer wurde. Babelsberg verließ in der Schlussphase etwas die Kondition und die Ordnung. „Wir trainieren dreimal in der Woche, montags machen wir meistens nur Regeneration. Es gibt Mannschaften, die mehr trainieren“, erklärt sie. Dass die Kräfte irgendwann nachließen, sei deshalb nicht völlig überraschend gewesen.



Nach dem umstrittenen Elfmeter gegen Babelsberg und den anschließenden Diskussionen auf beiden Seiten sei das Spiel zudem zunehmend hektisch geworden. Die Konzentration habe gelitten, die Partie sei am Ende völlig offen gewesen. „Unterm Strich war ein Punkt besser als gar keiner.“
Für die weitere Saison traut sie ihrer Mannschaft einiges zu. RB Leipzig II und Magdeburg könnten sich an der Tabellenspitze absetzen, glaubt Löwe. Dahinter aber sei vieles möglich, oft entscheide die Tagesform. „Für uns besteht die Chance, eine richtig gute Saison zu spielen“, sagt sie. Vielleicht könne Babelsberg sogar die eigenen Erwartungen übertreffen.
Langfristige sportliche Ziele möchte sie sich allerdings nicht mehr setzen. Dafür hat sie zu deutlich erlebt, wie schnell sich vermeintlich sichere Pläne in Luft auflösen können. Lieber denkt sie von Woche zu Woche, will gemeinsam mit ihrer Mannschaft das Bestmögliche herausholen und dabei den Spaß nicht vergessen.
Noch einmal mit den Jungs von damals
Und doch gibt es einen Wunsch, den sie sich gern erfüllen würde. Keinen großen Traum von Bundesliga, Meisterschaft oder Profivertrag. Sondern eine Reise zurück in ihre Kindheit. Noch einmal mit den Jungs aus Senftenberg auf dem Platz stehen. Mit ihrem Zwillingsbruder an der Seite. Wie damals in der E- und D-Jugend, als sie gemeinsam um die Landesmeisterschaft spielten. Es ist ein Wunsch, der sich nicht erfüllen lässt. Aber einer, von dem Löwe mit besonderer Wärme erzählt.

Die Bundesliga war einmal ganz nah, dann schien der Fußball für sie beinahe verloren. Heute spielt sie wieder mit Freude, übernimmt Verantwortung und gehört zu den auffälligsten Spielerinnen der Regionalliga Nordost. Und in ihren Träumen führt sie der Weg eben nicht mehr auf die große Bühne. Sondern zurück auf die Plätze ihrer Kindheit.
Titelbild: Renè Teichmann
