U23 des 1. FC Union Berlin beendet bei Türkiyemspor Berlin trotz langer Unterzahl mit einem 4:1-Sieg ihre Negativserie. Bundesliga-Leihgabe Katja Orschmann markiert zwei Treffer und bereitet einen weiteren vor.
Die drei vergangenen Partien vor dem Stadtderby am Sonntag bei Türkiyemspor würde man in Köpenick gerne aus dem Jahresrückblick streichen. Weil die deftige Niederlage gegen RB Leipzig II (3:8) wie aus dem Nichts kam und stark am Selbstverständnis der jungen Mannschaft kratzte. So sehr, dass sie nicht über ein Remis beim stark abstiegsgefährdeten FC Hansa Rostock hinauskam und auch gegen den SV Eintracht Leipzig-Süd am vergangenen Wochenende den Kürzeren zog.

Die Frage war also, ob Unions Trainerin Anja Matthes und ihr Staff innerhalb einer Woche die Voraussetzungen für eine Trendwende würden schaffen können. Zunächst sah es schon so aus. Die U23 übernahm von Beginn an die Kontrolle, hatte deutlich mehr Ballbesitz und kam früh zu ersten Abschlüssen. Die erste Großchance gehörte Sandra Weihmann, die aus halblinker Position am Tor vorbeischoss (9.).
Sandra Weihmann trifft gegen die Laufrichtung von Sophie Kernchen
Es brauchte dann aber schon eine feine Einzelleistung von Katja Orschmann, die aus dem Bundesliga-Kader abgestellt wurde, um Spielpraxis zu sammeln, um den Bock wenigstens erstmal ins Wanken zu bringen oder anders: um die optische Überlegenheit auch in Zählbares umzumünzen. Zentral rund 35 Meter vor dem Tor angespielt, zog sie entschlossen an, ließ eine Gegenspielerin stehen und blieb frei vor dem Tor ruhig – 1:0 (26.). Auch beim zweiten Treffer war Orschmann entscheidend beteiligt. Über die rechte Seite setzte sie sich durch und flankte präzise und vor allem schnell auf den zweiten Pfosten, wo Weihmann gegen die Laufrichtung von Türkiyemspor-Schlussfrau Sophie Kernchen zum 2:0 einschob (39.).

Wegen der deutlichen Feldüberlegenheit des Favoritan hätte es nun beim Buchmacher nicht viel für den Tipp auf einen gemächlichen Spaziergang gegeben. Doch wem bis hierher die Vorstellungskraft fehlte, wie Türkiyemspor in Abwesenheit von Angelina Lübcke (gelb-gesperrt), Anna Fechner (Urlaub) und Meliah Hartmann (BFV-Auswahl) zu einem Torerfolg hätte kommen sollen, dem halfen Lena-Marie Wolter Cosme und Lutricia Michalke (44.) auf die Sprünge. Und wie. Wolter Cosme zirkelte nach einem an ihr begangenen Foul an der Grundlinie Höhe Box den fälligen Freistoß scharf auf den zweiten Pfosten, wo Michalke die Kugel per Kopf zum 1:2 in die Maschen wuchtete (44.).
Türkiyemspor mit zu wenig Punch in der Offensive
Als kurz nach Wiederbeginn Elisabeth Steiner mit der Gelb-Rot vom Platz musste (47.), schienen die Karten urplötzlich neu gemischt. Union hatte gegen aufopferungsvoll kämpfende Kreuzbergerinnen noch eine weite Strecke zu gehen und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein derart früher Platzverweis das Momentum den Besitzer hätte wechseln lassen. Türkiyemspor versuchte in der Folge auch, die Überzahl zu nutzen, kam aber lediglich über die auffällige Michalke zu zwei gefährlichen Aktionen. Aber auch der bessere Versuch der Abwehrchefin nach gut einer Stunde stellte Sherly Schulz im Kasten der Gäste vor keine Probleme.

Union dachte zudem nicht daran, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen, verteidigte diszipliniert, wartete auf seine wenigen Momente – und nutzte am Ende zwei von ihnen. Louisa Kähler (85.) nagelte nach einer Maßflanke von Nila-Ann Staerke zunächst den Ball zum vorentscheidenden 1:3 unter die Latte (85.) und kurz vor dem Abpfiff krönte Katja Orschmann ihre starke Performance mit einem absoluten Traumtor. Dieses Mal servierte Weihmann – wie zuvor auch Staerke – den Ball rechts von der Grundlinie in den Rückraum. Wie zuvor Kähler lief auch Orschmann nun vom zweiten Pfosten aus ein und packte das Spielgerät direkt und vehement in den rechten Giebel – ein passenderes Tor, den Bock endgültig umzustoßen, hätte es nicht geben können.

Türkiyemspor-Trainer Amadou Konde kommentierte den Orschmann-Auftritt später so: „Dass Union eine Bundesliga-Spielerin auflaufen lässt, damit konnten wir nicht rechnen. Aber bei ihren beiden Toren sieht man den Qualitätsunterschied.“ Generell sei der Sieg verdient, aber um „ein, zwei Tore zu hoch ausgefallen“, sagte er. Die Gelb-Rote Karte sei eigentlich zum richtigen Zeitpunkt gekommen, „leider haben nur Lena-Marie und Lutricia offensiv Verantwortung übernommen, so konnten wir aus der Überzahl kein Kapital schlagen“, so Konde. „Ich glaube, in Vollbesetzung wäre hier heute etwas zu holen gewesen. Heute hat meine Mannschaft großartig gekämpft, mehr konnte ich nicht verlangen. Nehmen wir so mit, am kommenden Wochenende wird wieder gepunktet.“

Matthes war in erster Linie erleichtert, dass ihr Team wieder in die Erfolgsspur gefunden hat. „Wir hatten das Spiel im Griff und der Sieg war so verdient wie wichtig. Es war sicher noch nicht alles gut, aber auf dieser Leistung können wir aufbauen.“ Oder um die anfängliche Frage zu beantworten: Union hat die Trendwende eingeleitet.
Fotos: Matthias Vogel

