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Mit drei Traumtoren zum Klassenerhalt

Hohen Neuendorf gewinnt Nervenschlacht beim 1. FFC Fortuna Dresden mit 3:2 und feiert den Nichtabstieg. Jann Naja Bettin verwandelt zwei Freistöße direkt.

Christian Liedtke konnte die letzten Minuten des Spiels kaum noch aushalten. Längst saß er nicht mehr auf der Trainerbank, sondern stand auf einer der kleinen Treppen, die von der Tartanbahn des riesigen Heinz-Steyer-Stadions auf die Tribüne führen. Und als die Unparteiische endlich final in ihr Arbeitsgerät blies, hörte man den Stein von seinem Herzen bis in die Niederheide fallen. „Ich bin enorm erleichtert“, sagte der Coach und es war spürbar, dieser Akt hat Nerven gekostet.

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Starkes Spiel: Karina Duchowny im Zweikampf mit Dresdens Carolin Hänichen.

Weil man den forsch aufspielenden Dresdnerinnen das Toreschießen zu leicht gemacht hatte. „Wieder einmal“, sagte Liedtke nach der Partie. Den Ausgleich durch Jennifer Keller habe man deshalb hinnehmen müssen, weil sich seine letzten Spielerinnen nicht einig waren und beide die Tiefe sicherten, „anstatt das eine von ihnen auf die Schützin draufgeht“, so Liedtke. Keller reichten Zeit und Raum deshalb für einen Schuss, der sich merkwürdig hinter Torhüterin Marie Ulrich – die mit den Fingerspitzen noch dran war – in die Maschen senkte (40.).

„Begleitetes Toreschießen“ führt zum zwischenzeitlichen Ausgleich

„Und das 2:2 war mehrfach begleitetes Toreschießen“, sagte Liedtke. Keller hatte zu ihrem zweiten Streich Anlauf genommen, ließ auf dem Weg in die Box, zwei Hohen Neuendorferinnen stehen und konnte auch von der dritten nicht am Torschuss aus halblinker Position gehindert werden (73.). Über 200 Zuschauer, die nur optisch in der vor zwei Jahren neu errichteten Arena verloren wirkten, machten ordentlich Alarm. Sie schöpften Hoffnung in diesem Do-or-die-Spiel für ihre Farben – nur ein Dreier hätte die rechnerische Chance auf den Verbleib in der Regionalliga Nordost erhalten.

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Philia Henning (l.) entwischt ihrer Gegenspielerin Julia Winkler.

Jann Naja Bettin gab schließlich den Spielverderber. Dresdens Torhüterin unterlief der folgenschwere Fehler. Sie spielte im Aufbau den Ball direkt Sarah Tiede in die Füße. Ehe die selber zur Ahndung schreiten konnte, kam die emsige Karina Duchowny angesaust und nahm den Ball mit. „Warum schießt sie denn nicht?“, fragte sich die Abteilung Wechselspielerinnen hinter dem Hohen Neuendorfer Tor – angesichts des immer noch verwaisten Fortuna-Kastens berechtigt. Immerhin: Duchowny war auch nicht von der Abwehr des Tabellenletzten regulär vom Ball zu trennen. Und den fälligen Freistoß jagte Bettin zum 2:3 unter das Dach des Gehäuses (84.).

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Jann Naja Bettin gelingen zwei herrliche Freistoßtore.

Weil der Hohen Neuendorfer Bus stundenlang auf der Autobahn im Stau stand, konnte die Begegnung erst mit einer Stunde Verzögerung angepfiffen werden. Dafür fiel die Führung aus Sicht der Gäste pünktlich. Und wie: Philia Henning wurde mit einem langen Ball in die Spur gesetzt, profitierte bei ihrem Lauf auf dem rechten Flügel von einem Strauchler ihrer Gegenspielerin und konnte deshalb genau Maß nehmen für ihre Flanke auf den zweiten Pfosten. Dort kam Chantal Pistorius angesprintet und wuchtete den Ball in die lange Ecke (17.). Satter kann man einen Ball nicht treffen.

Freistoß-Malheur geht fast ins Auge

Respekt hatte man vor diesem enorm weitläufigen Rasenrechteck gehabt. Kompakt stehen fällt schwer, bei Umschaltmomenten gibt es häufig zu viel Wiese vor einem, als einem lieb sein kann. Diesen Spagat bekam man aber vor allem in der ersten Hälfte recht gut hin. Auch weil Luna Windsberger und Duchowny auf den Flügeln sowie Henning auf der Neun flott, flexibel und viel unterwegs waren und merklich auf die langen Bälle spekulierten. Der erste Treffer war das Resultat dieser Gangart.

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Wahnsinnstor und stabil in der Defensive: Chantal Pistorius.

Nur zwei Minuten nach dem 1:1 markierte Bettin per Traumfreistoß die erneute Führung für die Liedtke-Elf. Dresdens Coach Michael Weiße haderte nach dem Abpfiff dieser packenden und ausgeglichenen Partie deshalb mit dem Spielglück – und nicht nur das: „Solche Tore erzielen sie wirklich nur heute. So ist das eben, wenn du hinten drinnen stehst. Dazu hätte der erste Freistoß nie und nimmer gegeben werden dürfen. Das war kein Foul.“

Dresden hatte es aber durchaus auch in der eigenen Hand, einen möglichen Bann zu brechen. Etwa gleich nach der Pause, als die bärenstarke Luisa Strecker eine Hohen Neuendorfer Freistoß-Panne an der Mittellinie erkannte, sich den Ball schnappte und sich alleine auf den Weg zu einem schnelleren Ausgleich machte. Zu früh und kraftlos aber war ihr Abschluss. Schlussfrau Ulrich hatte keine Probleme und Liedtke musste sich noch nicht auf den Weg zur Treppe machen.

Ab dem 2:2 war aufopferungsvolles Anrennen der Gastgeberinnen Trumpf. Das eröffnte wieder Räume für Konter. „Wir hätten das Spiel früher entscheiden können“, so Liedtke. So musste er eben auf den Siegtreffer von Bettin warten. Danach schleppte sich der Coach auf die Treppe und Hohen Neuendorf mit letzter Kraft durchs Ziel.

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Erleichterung pur: Die Hohen Neuendorfer Bank nach dem Siegtreffer.

So leer der Tank war, so groß war der Jubel. Verständlich, denn es müsste schon mit dem Teufel zugehen, würde in der kommenden Saison nicht Regionalliga-Fußball in der Niederheide zu sehen sein. HND müsste zuhause gegen Türkiyemspor verlieren, der FC Hans Rostock gegen den 1. FFV Erfurt gewinnen und dabei eine Zwölf-Tore-Differenz wettmachen.

Bettin: „Wir haben den Sieg heute etwas mehr gewollt.“

In der Nachspielzeit hatte Kapitänin Bettin ihre Kolleginnen noch einmal lautstark aufgerüttelt und ermahnt, in den verbleibenden Minuten noch einmal alle Kräfte zu bündeln. „Weil wir gerne in Panik verfallen bei solch engen Spielständen. Das ist der schwierigen Saison geschuldet“, erklärte sie nach dem Spiel. „Aber heute ist es gut gegangen. Ich denke, wir haben den Sieg etwas mehr gewollt.“ Zu ihren zwei herrlichen Freistoßtoren, die auch als schnelle Antwort auf den jeweilligen Gegentreffer enorm wichtig für den Erfolg waren, sagte sie: „Ich weiß nicht, in den entscheidenden Spielen treffe ich anscheindend. War ja auch schon in den Aufstiegsspielen so.“


Fotos: Matthias Vogel