Als Kapitänin trägt Jann Naja Bettin Verantwortung, in Dresden schoss sie Hohen Neuendorf mit zwei Freistößen so gut wie zum Regionalliga-Verbleib – und sich selbst zur Rasenperle der Woche
Es ist Jann Naja Bettin, die dem Spiel beim 1. FFC Fortuna Dresden den entscheidenden Spin in Richtung Klassenerhalt gibt. Zweimal jagt die 22-Jährige zentrale Offensivspielerin einen Freistoß unter die Latte des Dresdner Gehäuses, jeweils zur Unzeit für den Gegner. Und weil sie in der Nachspielzeit ihre Mitspielerinnen noch einmal ordentlich pusht und selber hinter jedem Ball her hetzt, bleibt es schließlich beim 3:2 für den SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf, der damit den Klassenerhalt vor dem letzten Spiel an diesem Sonntag zuhause gegen Türkiyemspor Berlin so gut wie in der Tasche hat. „Noch nicht ganz, ich bin keine Freundin davon, zu früh zu jubeln“, sagt Bettin.

Bettin ist eine, die vorangeht. Eine, die in jedes Training rennt, in großen Spielen gerade bleibt und versucht, ihren Mitspielerinnen Halt zu geben. Nicht umsonst ist die bereits in der zweiten Saison Kapitänin des Teams aus der Niederheide. Ihre beiden wichtigen Freistöße in Dresden waren auch nicht nur Zufall. „Wir standen ja auf dem Weg lange im Stau und da habe ich mir noch einmal Videos von der Torhüterin angesehen. Sie hat die Mauer seltsam gestellt. Und gegen uns prompt wieder. Der Rest war dann Überzeugung“, sagt sie.

Mit dem Fußballspielen begonnen hat Bettin fast schon aus Trotz. „In der Schule sagten die Jungs, Mädchen könnten das nicht. Das hat mich angestachelt“, erinnert sie sich. Ihr um ein Jahr jüngerer Bruder überredete sie dann, im Verein zu kicken, beim SV Tauche, einem kleinen Dorfverein in Brandenburg. Dort blieb sie bis zur D-Jugend, ehe sie mit ihrem Bruder zu Union Fürstenwalde wechselte. „Weil Mädchen ja ein Jahr älter sein dürfen, konnten wir dort zusammen spielen“, erklärt sie. Parallel spielte sie mit Zweitspielrecht bei den Mädchen des Storkower SC – aus Trotz war längst Leidenschaft geworden.

Ab der C-Jugend war sie dann an der Sportschule Potsdam, lief insgesamt fünf Jahre für Turbine auf, probierte sich in der Saison 2020/21 beim 1. FC Union Berlin, und landete auf der Suche nach mehr Spielzeit in der Regionalliga und damit einer höheren Chance auf ein Stipendium in den USA eine Spielzeit später bei Hohen Neuendorf. Das mit dem Stipendium klappte, und als sie Ende der Saison 2022/23 zurückkehrte und Hohen Neuendorf den Gang in die Berlin-Liga antreten musste, konnte sie nicht mehr gehen. „Das war dann zur Herzenssache geworden“, sagt sie.

Was sie aus den USA mitbrachte? Natürlich Lebenserfahrung, aber auch reichlich Expertise vom Fußballplatz. „Dort wird eher Kick & Rush gespielt“, beschreibt sie die Gangart in der Uni-Liga, in der sie mit ihrem Grace College Chicago antrat. „Ist für Mittelfeldspielerinnen nicht so pralle, weil du eigentlich raus bist.“ Ihr Glück: Der Trainer ließ gerne europäisch spielen. Was auch nahe lag. „Bei uns waren nicht nur Amerikanerinnen im Team, sondern auch Mädels aus Portugal, der Schweiz oder den Niederlanden.“ Sehr erfolgreich sei ihr Fußball gewesen. „Jedenfalls haben wir des öfteren gehört, dass es scheiße ist, gegen uns zu spielen“, sagt Bettin und lacht.



Die ganz großen Ziele hat sie ad acta gelegt. Profi werden und so. Dazu hat ein wenig der Leistungsdruck aus Potsdamer Zeiten beigetragen. Dahin möchte Hohen Neuendorfs Nummer 23 nicht zurück. Für sie muss beides gehen: leistungsbezogen Fußball spielen und dabei Spaß haben. Das passt in Hohen Neuendorf, zudem ist das Team längst auch Freundeskreis. Ambitioniert ist sie trotzdem und auch nicht wunschlos: „Es wäre schön, wenn wir uns künftig nicht von einem schlechten Spiel runterziehen lassen würden. Jedes Spiel ist eine neue Chance auf drei Punkte und uns fehlte in dieser Saison oft der Glaube an uns und die Überzeugung.“

Einmal brauchen Jann Naja Bettin und ihr Team diese Tugenden noch in dieser Spielzeit. Am kommenden Sonntag um 14 Uhr gastiert Türkiyemspor Berlin zum letzten Saisonspiel in der Niederheide. Dass noch etwas schief geht, ist unwahrscheinlich. FC Hansa Rotsock müsste gewinnen, Hohen Neuendorf verlieren. Und der Vorsprung von zwölf Toren dabei wegschmelzen. Aber wie gesagt: Zu früh jubeln ist für Bettin nichts und ihr Team hat es in der eigenen Hand. Sie wird wieder vorangehen.
Titelbild: Christian Schneider

